BAROCK

(1600- ca.1700)

 

Der Name „Barock“ ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich stammt er vom portugiesischen Wort barocco (schiefrund, merkwürdig), einer Bezeichnung aus dem Juwelierhandwerk für eine unregelmäßige Perle. In übertragener Bedeutung steht das Adjektiv „barock“ heute für überladen.

In der bildenden Kunst bedeutet „Barock“ als Stilbegriff den Drang nach höchster Steigerung aller Ausdrucksmöglichkeiten. Dieser Stilbegriff ging von der Architektur und der Malerei auf die Musik, das Theater und schließlich auf die Literatur über -
wo er aber früher als in der bildenden Kunst wieder abgelöst wurde.

 

In der europäischen Architektur und Kunstgeschichte wird zwischen Frühbarock (ca. 1600–1650), Hochbarock (ca. 1650–1720) und Spätbarock oder Rokoko (ca. 1720–1770) unterschieden. Als Kunstform des Absolutismus und der Gegenreformation ist das Barock durch üppige Prachtentfaltung gekennzeichnet. Von Italien ausgehend, verbreitete sich die Kunstrichtung zunächst in den katholischen Ländern Europas, bevor sie sich in abgewandelter Form auch in protestantischen Gegenden durchsetzte.

Wir wollen uns nun zuerst den historischen Hintergrund näher ansehen und dann die Auseinandersetzung der Literaten mit der Sprache und der Dichtkunst näher beleuchten.


HISTORISCHER HINTERGRUND

 

Das Konzil von Trient (1545-1563) und die Tätigkeit des neugegründeten Jesuitenordens leiteten die Gegenreformation ein. Der Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten vertiefte sich bis zur Unversöhnlichkeit. Als Folge des Glaubensstreites begann 1618 der Dreißigjährige Krieg, der in seinem Verlauf immer mehr in einen Machtkampf der Fürsten ausartete. Die Landsknechts-Heere, denen oft genug der Sold vorenthalten wurde, stürzten sich, um sich schadlos zu halten, plündernd, folternd und brennend auf Dörfer und Städte. Für die Bauern, auf deren Grund und Boden die Heerhaufen Quartier nahmen, war jeder Soldat ein Feind. Die Bewohner der eingeäscherten Städte hatten die Grundlage ihrer Existenz verloren und konnten sich von der Vernichtung ihres einstigen Wohlstandes lange nicht erholen.

 

Als 1648 in Münster der Westfälische Friede unterzeichnet wurde waren von 17 Millionen Einwohnern Deutschlands (1618) über die Hälfte in den Wirren des Krieges - vor allem durch Hunger und Seuchen - zugrundegegangen. Die Bevölkerung Deutschlands zählte nur noch acht Millionen. 15000 Dörfer in Mitteleuropa waren völlig zerstört. Nur 50 Prozent aller Kinder erreichten das zehnte Lebensjahr.

 

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war aus der Reihe der  Großmächte ausgeschieden, es war nur noch ein lockerer Staatenbund von mehreren hundert souveränen Teilen ohne gemeinsamen politischen Willen. Im 17. Jh. setzte sich eine neue politische Ordnung in Europa durch, der Absolutismus geistlicher und weltlicher Fürsten. Die Höfe wurden Sammelpunkt des kulturellen Lebens. Das Frankreich des „Sonnenkönigs“ Ludwigs XIV. (1643-1715) lieferte das glanzvolle Vorbild einer fürstlichen und adeligen Gesellschaftsform, und in Deutschland eiferte man diesem Vorbild nach.

Der Leitspruch Ludwigs XIV. lautete:

L'état - c'est moi.

Er regierte absolut, d.h. er allein trug die gesamte Staatsgewalt und stand über den Gesetzen. Das Bürgertum und der alte Adel verloren an Bedeutung, ein neuer Berufsadel gewann am Königshof an Einfluss. Er vertrat das ldeal des galant homme (des Mannes von feiner Lebensart), der in seiner prunkvollen Kleidung, unter der Lockenfülle seiner Allongeperücke und mit seiner Überbewertung feiner Umgangsformen in krassem Gegensatz zur verarmten und unterdrückten bürgerlichen und bäuerlichen Bevölkerung stand.

 

Die neue weltliche Fürstenmacht wurde durch prunkvolle Schlossbauten, rauschende Feste und üppige Lebensführung betont. Die wiedererstarkte katholische Kirche gab ihrer Machtfülle in der verschwenderischen Pracht ihrer Gotteshäuser Ausdruck.

Das Lebensgefühl des Barock war zutiefst zwiespältig: Der lange, furchtbare Krieg hatte Tod und Vergänglichkeit im Bewusstsein der Menschen verankert, aber auch eine wilde Lebensgier in ihnen entstehen lassen. Leidenschaftliche Liebe zum Diesseits und Sehnsucht nach dem Jenseits, Weltsucht und Weltflucht waren Wesensmerkmale des Barock.

Neben der Neigung zum Theater finden wir aber auch eine weltabgewandte Mystik. Das Jahrhundert der christlichen Glaubenskämpfe war einerseits dem unglückseligen
Teufelskult und Hexenaberglauben verfallen, anderseits brachte es einen glänzenden Aufstieg der Naturwissenschaften, vor allem der Mathematik, der Astronomie und der Physik.
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SPRACHE UND LEHRE VON DER DICHTKUNST

 

Die Zwiespältigkeit des Barock erstreckt sich auch auf den sprachlichen  Bereich. Die deutschen Dichter überboten sich in gelehrten Wendungen und Fremdwörtern, was mit der fast sklavischen Nachahmung alles Ausländischen zusammenhing; gleichzeitig verlangte ein neu erwachtes Nationalgefühl, die Sprache zu läutern und zu heben. Zur Reinigung der deutschen Sprache von Überfremdung wurden die Sprachgesellschaften gegründet, die die Pflege der Sprache und Literatur zum Ziel hatten.

 

Das Deutsche sollte dem Französischen ebenbürtig, ja es sollte so weit gehoben werden, dass es als Bildungssprache das Lateinische ersetzen konnte. Der deutschen Dichtung sollten Regeln und Vorschriften gegeben werden, damit eine auch von den anderen Völkern anerkannte Literatur entstehen könne. Das Dichten galt als lehr- und erlernbar.

Martin OPITZ (1597-1639) verfasste das erste und einflussreichste Lehrbuch über Metrik (Verslehre), Stilmittel und Themen einer deutschen Dichtkunst, das Buch von der deutschen Poeterey (1624).

OPITZ wurde 1597 als Sohn eines Metzgers und Ratsherrn in Bunzlau geboren. Er erhielt zwar eine solide humanistische Schulbildung in der Bunzlauer Lateinschule, am Breslauer Magdalenen-Gymnasium und am Akademischen Gymnasium in Beuthen an der Oder, doch als er mit 16 Jahren nach Heidelberg ging, machten die Kriegswirren seine Studienpläne bald zunichte.

 

Er schloss sich dem dortigen Humanistenkreis an, verließ jedoch 1620 die von spanischen Truppen bedrohte Stadt und begleitete einen jungen Dänen als Hofmeister nach Holland und Dänemark (Jütland).

1621 kehrte er nach Schlesien zurück, doch konnte er keine zufrieden stellende Anstellung bei der zurückweichenden protestantischen Seite erhalten.

1622 war er kurze Zeit Professor am Gymnasium von
Weißenburg (Siebenbürgen), 1626 trat er als Sekretär in den Dienst des katholischen Grafen Karl Hannibal von Dohna ein, der als Gegenreformator wegen seiner absolutistischen Maßnahmen in Schlesien sehr unbeliebte war. Diese Stellung brachte Opitz 1627 das Adelspatent ein.

Martin OPITZ
 1625 wurde er in Wien zum poeta laureatus gekrönt, später vom Kaiser geadelt. 1629 wurde er in die Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen. Im Lauf des Dreißigjährigen Krieges machte OPITZ viele Reisen, u.a. nach Paris (1630). 1633 trat er nach der Vertreibung Dohnas in die Dienste der Herzöge von Liegnitz und Brieg, ab 1635 war er in diplomatischer Sendung in Thorn (Schlesien war inzwischen in habsburgischen Händen), 1637 wurde er Hofhistoriograph des Königs von Polen in Danzig, wo er 1639 später an der Pest starb.

OPITZ
schrieb zunächst lateinische Gedichte, ging aber schon während der Gymnasialzeit in Beuthen zur deutschen Dichtung über. Ab 1619 führte er die Aufeinanderfolge betonter und unbetonter Silben ein und begann frühere Gedichte umzuarbeiten. Die erste deutsche Gedichtsammlung erschien 1624: Teutsche Poemata.

Der eigentliche Ruhm des Dichters gründete sich auf das Buch von der Deutschen Poeterey (1624), in dem er Regeln für die „Reinheit“ von Sprache, Stil, Vers und Rhythmus aufstellte. Neben der schon erwähnten Bevorzugung des Wechsels von betonten und unbetonten Silben als der Grundlage des deutschen Verses empfahl er den Alexandriner.

OPITZ war der wichtigste Vertreter der sog. Schlesischen Dichterschule. Mit ihm begann die Erneuerung der deutschsprachigen Literatur, die Verdrängung der neulateinischen Literatur und der deutlich verspätete Anschluss an die Entwicklung anderer europäischer Nationalliteraturen.

OPITZ war vor allem ein Theoretiker der Sprache und der Poesie. Seine wichtigste Erkenntnis war, dass in der deutschen Metrik die starke und schwache Betonung der Silben den natürlichen Sprachrhythmus bilden, nicht Länge und Kürze wie in den klassischen Sprachen. Der Rhythmus eines Verses müsse, so forderte er, mit der natürlichen Betonung der verwendeten Wörter in Einklang stehen. Auch für die Belebung des Ausdrucks stellte OPITZ Regeln auf, etwa, dass die Dichtkunst bildhafte Vergleiche verlange und dass die Poeten die Natur nachahmen sollten

Er beschrieb genau alle im Barock gepflegten Gattungsformen der Dichtung. Von der Tragödie forderte er dass sie nur von hochgestellten Personen handle, während die Komödie in den unteren Gesellschaftsschichten spielen sollte.

OPITZ' eigenes Werk ist ein Versuch, der deutschen Literatur in der Theorie und durch das Erstellen literarischer Muster Würde und Ansehen zu verleihen. Bei den Zeitgenossen und den darauf folgenden Generationen genoss er daher höchstes Ansehen. Wenn auch später modifiziert, war er bis ins 18. Jh. hinein die entscheidende Autorität in dichtungstheoretischen Fragen. Sein Ruhm war unumstritten, seine Dichtungslehre blieb bis zum Erscheinen von GOTTSCHEDs Kritischer Dichtkunst (1730) maßgebend, und selbst GOTTSCHED pries OPITZ noch als den „Vater der deutschen Dichtkunst“.
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Die drei wichtigsten Dichtungsgattungen im Barock waren:

Epische Dichtung
Lyrische Dichtung
Dramatische Dichtung
Exkurs: Weltliteratur im Barock