NATURALISMUS

(ca.1880-1910)

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s machten Technik und Industrie große Fortschritte. Die europäische Zivilisation wurde durch Kolonialismus (v.a. England und Frankreich kolonisierten viele Länder) in die ganze Welt getragen.

 

Die Bevölkerung nahm v.a. in den Großstädten rapide zu. In Wien z.B. wuchs die Einwohnerzahl sehr stark an durch die Zuwanderung aus allen Teilen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Da die ländliche Bevölkerung in großer Zahl in die Städte strömte, in der Hoffnung, hier Arbeit zu finden, wuchs die Zahl der Bewohner großer Städte so schnell, dass die Wohnraumbeschaffung stets hinterherhinkte. Mit der Industrialisierung wuchs auch das Elend der Arbeiter. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder wurden zur Arbeit herangezogen, und v.a. im Bergbau und in der metallverarbeitenden Industrie war die Arbeit sehr schwer.

 

Die soziale Frage wurde zu einem bedeutenden Konfliktstoff, der dringend einer Lösung bedurfte. Unter dem Druck der politischen Arbeiterbewegung wurde 1891 in Deutschland ein Arbeiterschutzgesetz verabschiedet, das dem vierten Stand ein Mindestmaß an Existenzsicherung brachte.

 

Die junge Generation begann, sich eingehend mit den Problemen der Zeit zu beschäftigen. Sie war beeindruckt von den Naturwissenschaften und lehnte jede religiöse Bindung ab.

 

Die Abstammungslehre von Charles DARWIN (1809-1882; vgl. Realismus) wurde dahingehend interpretiert, dass es durch die immerwährende Durchsetzung der jeweils vorteilhaften Eigenschaften logisch zu einer Aufwärtsentwicklung der Menschheit kommen werde.

 

Die Lehre des englischen Philosophen Herbert SPENCER (1820-1903) beruhte auf der Idee, dass alles, was der Selbsterhaltung des Einzelnen oder der Gruppe dient, auch gut sein muss, während das, was diese Selbsterhaltung verhindert, als schlecht einzustufen ist.

 

Sein Landsmann John Stuart MILL (1806-1873) behauptete, der Wert oder Unwert einer Handlung hänge von den Folgen ab, die diese für die Gesellschaft habe. Daher definierte er folgendes Ziel für die gesellschaftlichen Entwicklung: es soll das größte Glück für die größte Zahl von Menschen erreicht werden.

 

All diese Ansichten gehen auf den Positivismus des französischen Philosophen Auguste COMTE (1798-1857) zurück, der auch als einer der Begründer der Soziologie gilt. Er sah nur in der Erfahrung die als Grundlage allen menschlichen Wissens. Von den Wissenschaften hatten für ihn daher nur die Natur-wissenschaften Bedeutung.

 

Starken Einfluss auf das Denken der Zeit hatte auch die Milieutheorie von Hippolyte TAINE (1828-1893). Seiner Auffassung nach gibt es für den Menschen keine übernatürlichen Bindungen, er ist einzig und allein von seiner Umwelt, der historischen Situation und seinem Milieu abhängig und bestimmt. Es gibt keine Willensfreiheit mehr. Der erste, der in Deutschland die kulturphilosophische Bedeutung TAINEs erkannte, war Friedrich NIETZSCHE (1844-1900).

 

Die Ausnahme von der Regel in dieser Gruppe der Naturwissenschaftler war der Österreicher Gregor MENDEL (1822-1884). Er war nicht nur Entdecker der Mendelschen Vererbungslehre sondern auch Priester.

 

Naturalistische Künstler machten es sich zum Ziel, die Wirklichkeit möglichst genau darzustellen. Sie arbeiteten mit exakten, gleichsam naturwissenschaftlichen Methoden. Diese Wissenschaftlichkeit berechtigte und verpflichtete sie, auch das Hässliche und Verdrängte abzubilden.

 

Die naturalistischen Schriftsteller wandten sich gegen die Kinderarbeit, gegen eine viel zu lange Arbeitszeit. Sie zeigten das Elend der Arbeiter auf, das ihrer Meinung nach eine Brutstätte für Brutalität, Verbrechen und Trunksucht darstellte. Sie konfrontierten den im Wohlstand lebenden Bürger mit den Schattenseiten des Lebens.

 

Der Naturalismus versteht sich als literarische Revolution, weil er mit Traditionen bricht und den Poetischen und Bürgerlichen Realismus überwindet, weil er auf verklärende Tendenzen ebenso verzichtet wie auf die Deutung der Wirklichkeit durch den Dichter. Die ideale Darstellung ist nach Auffassung der Dichter dieser Zeit die naturwissenschaftlich exakte Gestaltung Wirklichkeit. Die Welt wird untersucht und naturgetreu, wissenschaftlich exakt abgebildet. Die naturalistischen Dichter fühlen sich der Objektivität verpflichtet, auf Subjektivität und Individualität verzichten sie.

 

Themen sind die objektive, uneingeschränkte, fotografisch genaue Wiedergabe der Wirklichkeit und die Schattenseiten menschlichen Daseins (Elend des Proletariats etc.). Die Beschreibung der positiven, erfreulichen Seiten menschlicher Existenz wird abgelehnt.

 

Die epische Darstellung sozialer Not zielt nicht unbedingt auf politische Veränderung hin, will aber soziales Mitgefühl am Beispiel gesellschaftlicher Außenseiter (v.a. in der Großstadt) thematisieren und auf diese Weise eine Veränderung und Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände erreichen.

 

Arno HOLZ propagiert eine „Revolution in der Lyrik“, die sich gegen alle Konventionen von Vers- und Strophenformen wendet und sich stattdessen mehr an der Prosa orientiert, die einem natürlichen Rhythmus gehorcht (Prosalyrik).

 

Das naturalistische Drama stellt Charaktere in den Vordergrund, deren Lebensweg durch Milieu und Vererbung (vorher)bestimmt ist, und die nur geringe Chancen haben, ihre Lebenssituation zu verbessern.  

In den nächsten Abschnitten wird näher auf folgende Bereiche eingegangen:

 

Naturalismus in Deutschland
Exkurs: Weltliteratur im Naturalismus

 

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