REALISMUS

(1850-1900)

Nach der Revolution von 1848 gab es in ganz Europa Veränderungen. Frankreich wurde (bis 1852) Republik, in Österreich wurden dem Bürgertum durch eine Reihe von Verfassungsänderungen mehr Rechte eingeräumt. Frankreich und das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland erwarben zahlreiche Kolonien in Übersee. 1861 bis 1865 tobte in Nordamerika der Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Nordstaaten und dem Verbot der Sklaverei endete.

Eine wichtige Voraussetzung für den Realismus ist die Überzeugung, dass dem Lauf der Welt und dem Leben der Menschen eine unabänderliche Vernünftigkeit und Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt.

In Wissenschaft und Technik schufen zahlreiche Erfindungen die Voraussetzungen für die Industrialisierung des 20. Jh.s.


In der Wirtschaft gipfelte der Kapitalismus einerseits in den neuen Rechten und Freiheiten der Bürger, andererseits in der Verelendung der Arbeiterschaft.

In der Folge schufen Karl MARX (1818-1883) und Friedrich ENGELS (1820-1895) mit ihrem Kommunistischen Manifest (1848) die Grundlage für eine neue Gesellschaftsform: In seinem Hauptwerk, Das Kapital (1867), einer großangelegten sozio-ökonomischen Studie, setzte Karl MARX sich das Ziel, die Welt nicht zu erklären, sondern zu verändern. MARX vertrat die Auffassung, dass primär materielle Verhältnisse die Haltung des Menschen gegenüber der Welt bestimmen. Die Menschheitsgeschichte ist seiner Meinung nach eine Reihenfolge von Klassenkämpfen, deren letzter nun zwischen Bürgertum und Proletariat stattfinden muss. Am Ende sollte der Sieg des Proletariats zur klassenlosen Gesellschaft führen, die dann auch den Staat überflüssig macht.

Karl MARX
 In der Lehre vom Mehrwert versucht MARX, die ausweglose Lage der Arbeiterschaft in der kapitalistischen Gesellschaft darzustellen. Der Arbeiter bekommt gerade so viel Lohn, wie er zum täglichen Leben braucht. Den größten Teil des Gewinns (den Mehrwert) benützt der Unternehmer dazu, sich durch den Erwerb neuer Produktionsmittel noch mehr Macht zu verschaffen. Da auch die Kapitalisten einander bekämpfen und gegenseitig ausschalten, stehen am Ende der Entwicklung wenige Großunternehmen einem Heer Abhängiger gegenüber.

Diese müssen sich (laut MARX), notfalls mit Gewalt, die Produktionsmittel aneignen, um wieder ein menschenwürdiges Dasein  führen zu können. Das gemeinsame Eigentum sollte dann zum Wohl aller genützt und verwaltet werden. Damit wäre auch die soziale Frage gelöst.

Friedrich ENGELS (1877)

Für die Weltanschauung dieser Epoche sind auch die Naturwissenschaften von großer Bedeutung. Der Engländer Charles DARWIN (1809-1882) wies in seiner Abhandlung On the Origin of Species (Über den Ursprung der Arten, 1859) die biblische These von der Entstehung der Welt und der Menschen zurück und behauptete, der Mensch sei das Produkt einer viele Millionen Jahre dauernden Entwicklung. Die Kirche lehnte die Lehre DARWINs ab.
Charles DARWIN
(Aquarell von George Richmond, 1840)


Der bedeutendste religiöse Denker dieser Zeit war der Däne Søren Aabye KIERKEGAARD (1813-1855), der Sohn eines wohl-habenden Kleiderhändlers, dessen pietistische Religiosität dafür verantwortlich war, dass der junge Søren in einer depressiven, von Schuldgefühlen geprägten Atmosphäre aufwuchs.

Zwischen 1830 und 1841 studierte KIERKEGAARD Theologie und Philosophie, 1841 wurde er Prediger in Kopenhagen. Danach hielt er sich einige Zeit in Berlin auf, wo er HEGEL und SCHELLING kennenlernte. Er übte keinen Beruf mehr aus, konnte aber bis zu seinem frühen Tod von dem ererbten Vermögen zehren.

KIERKEGAARDs religionsphilosophische Werke entfalteten erst Jahrzehnte nach seinem Tod ihre starke Wirkung. Ohne KIERKEGAARD ist der Existentialismus des 20. Jh.s undenkbar. Die zentralen Begriffe in seinem Werk sind „Existenz“ und „Angst“. „Existenz“ ist für ihn eine Folge von Lebensmomenten, die sich in drei „Stadien des Lebens“ vollzieht.

Søren Aabye KIERKEGAARD
(um 1840)
 
  • Das passive, ästhetische Stadium, stürzt den Menschen in die Verzweiflung, aus der er sich in der Folge im
  • aktiven, ethischen Stadium selbst befreien muss. Die sich dabei einstellende „Angst“ (Der Begriff Angst, 1844) vor der freien Wahl der Möglichkeiten (Entweder - Oder, 1843), macht dem Menschen die Grenzen der Freiheit bewusst und führt schließlich, im
  • religiösen Stadium, zu der Erfahrung, dass die endgültige Befreiung von der Angst nur durch Gottes Gnade erwirkt werden kann.
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Ab ca. 1850 war die Hinwendung zur Wirklichkeit vorherrschende Strömung in der europäischen Literatur. Der literarische Realismus ist aber keine Erfindung des 19. Jh.s. Realistische Züge lassen sich schon in manchen antiken und mittelalterlichen Dichtungen nachweisen. Sie treten auch in den lehrhaft-satirischen, oft derb-schwankhaften Schriften des 15. und 16. Jh.s deutlich hervor und sind selbst in der aufs Formale eingeschworenen Barockzeit zu finden (z.B. in GRIMMELSHAUSENs Simplicissimus). Zum Stilprogramm ist der Realismus jedoch erst um die Mitte des 19. Jh.s geworden.


Die realistische Kunstauffassung hat sich aus dem Gegensatz zur Kunsttheorie der Klassik und insbesondere der Romantik entwickelt. Da der Realismus „das wirkliche Leben“ in seiner Vielfalt und seinen zeitbedingten Veränderungen darstellen wollte, lehnte er alles Idealistische (wie z.B. die Idee der absoluten Form und die Idee der absoluten sittlichen Freiheit) ab.


Man wollte das Erfahrbare und Überprüfbare darstellen und wollte mit Phantasiegeschichten nichts zu tun haben. In der realistischen Dichtung sollen selbst die Gefühle und Meinungen des Dichters außerhalb der Darstellung bleiben. Man war daran interessiert, den Menschen in seinem alltäglichen Leben darzustellen. Die Dichter des Realismus wollten illusionslose Beobachter sein.


Die Handlung der Werke fand meistens in kleinen Orten oder Dörfern statt. Die Figuren waren häufig Handwerker, Kaufleute und Bauern. Nicht die große Politik, sondern die kleine Welt des Privaten bildete den Hintergrund. Die realistischen Erzähler beziehen sich meist ganz konkret auf die Gegenwart, auf die Realität ihrer Zeit. Um in ihren Werken die ganze Wirklichkeit zu erfassen, beschäftigen sie sich vor allem mit dem ihnen gut Bekannten: dem Bürgertum.


Anstelle der (meist aus der Antike übernommenen) hochstilisierten Formen erstreben die Realisten eine einfache, natürliche Kunst. Die bevorzugten Gattungsformen dieser durchaus bürgerlichen Dichtung sind der Roman und die Novelle. Erfahrung und Beobachtung sind die Pfeiler der neuen Erzählkunst. Man will Gegenwart, nicht Vergangenheit; Wirklichkeit, nicht Illusion; Prosa, nicht Vers. Der realistische Erzähler bezieht seine Umwelt, seine gesellschaftliche Realität und Ereignisse seiner Zeit in seine Geschichten ein. Kunst und Leben dürfen nicht länger getrennt sein.


Kennzeichnend für die epische Dichtung des Realismus ist die Rahmentechnik: Ein Erzähler erinnert sich an eine Begebenheit aus seinem Leben oder er berichtet über eine Ereignis, über das er aus einer alten Chronik erfahren hat. Die Erzählung bekommt durch den Rahmen den Anstrich eines Berichtes über reales vergangenes Geschehen.


Die Autoren des Realismus setzen eine Vielzahl von Formen der Roman-Dichtung ein, um ihre Überzeugungen darzulegen: Entwicklungsroman, historischer Roman, Zeitroman, sowie Gesellschafts- und Familienroman. Die dramatische Dichtung spielt im Realismus eine untergeordnete Rolle.


Weder im deutschsprachigen Raum noch in ganz Europa war der Realismus eine einheitliche Erscheinung.


In Frankreich entwickelte sich schon gegen Mitte des 19. Jh.s der „kritische“ Realismus (vgl. Weltliteratur in der Restauration und im Realismus).
Im deutschsprachigen Raum stehen zwei Begriffe nebeneinander:
 der von Otto LUDWIG geprägte Begriff des „poetischen“ Realismus und
 der von Gustav FREYTAG proklamierte „bürgerliche“ Realismus.


Der kritische Realismus nahm seinen Ausgang schon vor der Mitte des 19. Jh.s.in Frankreich Ziel der Vertreter dieser Richtung ist es, ohne persönliche Stellungnahme und ohne Teilnahme am Geschick der handelnden Figuren von deren Schicksal zu erzählen. Unbedingte, ungerührte Objektivität führt unweigerlich zur Entdeckung des Hässlichen, Beklemmenden, des Elends und der Schattenseiten des menschlichen Lebens.


Die Erzähler des kritischen Realismus geben sich große Mühe, das Geschehen so objektiv wie möglich darzustellen. Sie berichten aus der Sicht eines neutralen, außenstehenden Zuschauers und vermitteln dem Leser den Eindruck, das Geschehen spiele sich unmittelbar vor seinen Augen ab. Das naturwissenschaftliche Weltbild (Medizin, Biologie, Psychologie, Soziologie, ...) dient als Grundlage zur Darstellung des Menschen.


Der poetische Realismus verzichtet auf drastische Stilmittel zur Darstellung von Extremen, z.B. des extrem Hässlichen oder von abstoßenden Einzelheiten bei Krankheiten. Vielfach wird die raue Wirklichkeit sogar mit Humor und Ironie verklärt.


Der bürgerliche Realismus basiert auf dem bürgerlichen Wertekanon des 19. Jh.s. Im Unterschied zum poetischen Realismus behandelt er in zum Teil sehr umfangreichen Romanen auch größere gesellschaftliche Entwicklungen. Wichtige Autoren sind z.B. Theodor FONTANE (Effi Briest, 1895) und Gottfried KELLER (Der grüne Heinrich, 1853-1855). 

 

Im den folgenden Abschnitten wird auf die folgenden Strömungen näher eingegangen:

 

Poetischer und Bürgerlicher Realismus
  in Deutschland  
  in Österreich
  in der Schweiz
  Sonderform: Heimatkunst
Exkurs: Weltliteratur im Realismus (inkl. kritischer Realismus)

 

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