HEIMATKUNST IM REALISMUS

Der poetische Realismus, der von der Dorfgeschichte ausging, mündete in der sog. Heimatkunst, die durch Verwendung des Dialekts und eine nostalgische Rückwendung zur heilen WeIt der Heimatscholle gekennzeichnet war. Diese literarische Strömung findet man im deutschsprachigen Raum von etwa 1890 bis 1910. Der Literaturhistoriker Adolf Bartels verwendete den Begriff erstmals 1898 in der Zeitschrift Der Kunstwart. Die neue Bewegung sollte sich von der Großstadt ab- und den Themen „Heimat“ und „Volkstum“ zuwenden. Mit der weiten Auffassung von „Heimat“ ist nicht nur ländliches, sondern auch städtisches Leben gemeint, da auch die Stadt Heimat sein kann. Ziel war hauptsächlich die ländlich geprägte Kleinstadt. Ein typisches Merkmal ist auch die Kategorisierung in „gesund“ und „krank“; „gesund“ sind demnach das Dorf, der Berg (die Höhe des Berges), die Tradition; als „krank“ gelten hingegen die Stadt, das Tal, die Moderne.

 

Als wichtigste Vertreter dieser Richtung sollen hier drei deutsche (Fritz REUTER, Berthold AUERBACH und Hermann LÖNS  ) und zwei österreichische Schriftsteller (Ludwig ANZENGRUBER und Peter ROSEGGER) vorgestellt werden.

 


Fritz REUTER (d.i. Heinrich Ludwig Christian Friedrich Reuter, 1810-1874)) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Schriftsteller der niederdeutschen Sprache.

REUTER wurde 1810 im Rathaus von Stavenhagen geboren als Sohn des Bürgermeisters geboren. Nach der Geburt eines jüngeren Bruders (1912) blieb die Mutter gelähmt. Bis zum 13. Lebensjahr wurde REUTER fast ausschließlich zu Hause unterrichtet, ab 1824 besuchte er die Gelehrtenschule in Friedland.

REUTER war ein schlechter Schüler. Er begeisterte sich hauptsächlich für Turnen und Malen, schaffte es aber 1831 schließlich doch, die Matura abzulegen.

1831 begann er in Rostock Jus zu studieren. 1832 wechselte er nach Jena. Wiederholt schloss er sich radikalen Burschenschaften an, was 1833 in Berlin zu seiner Festnahme führte. Er wurde in der
Festung Silberberg
interniert und 1836 wegen „Teilnahme an hochverräterischen burschenschaftlichen Verbindungen in Jena und Majestätsbeleidigung“ zum Tod verurteilt. Erst am 1837 erfolgte die Zustellung des Urteils und gleichzeitig die Begnadigung zu 30 Jahren Festungshaft. Diese Strafe wurde später auf 8 Jahre herabgesetzt, und so wurde REUTER  1840 wieder aus der Haft entlassen.

Fritz REUTER
(Lithographie von Josef Kriehuber)
 Nach einem kurzen Versuch, das Studium in Heidelberg fortzusetzen, zog REUTER nach Jabel, er sein Onkel Pastor war. Dieser verschaffte ihm eine Stelle bei einem Gutspächter in Demzin. Schließlich musste er Geld verdienen, da der Vater ihn enterbt hatte. REUTER lernte Luise Kuntze, die Tochter des Pastors Roggenstorf kennen, die er 1851 heiratete, nachdem er sich 1850 im preußischen Treptow (heute: Altentreptow) als Privatlehrer für Zeichnen und Turnen niedergelassen und das preußische Bürgerrecht erworben hatte.

1853 gelang ihm mit dem Buch Läuschen un Rimels. Schwänke und Reime sein erster größerer Erfolg. 1856 zog REUTER als freier Schriftsteller nach Neubrandenburg, wo er seine produktivsten Jahre verlebte und seine bedeutendsten Werke schuf.

1863 übersiedelte REUTER nach Eisenach, wo er sich eine Villa bauen ließ und wo er 1874 starb.

Der Roman Meine Vaterstadt Stavenhagen (1856) erschien in hochdeutscher Sprache im Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern. Aber hier schon widmete sich der Dichter seiner Heimat, die er wenige Jahre später wieder zum „Helden“ eines Buches machte, dann aber schon in niederdeutscher Mundart in dem Roman Ut de Franzosentid (Aus der Franzosenzeit, 1859).

Der autobiographische Roman Ut mine Festungstid (Aus meiner Festungszeit) erschien 1862.
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Berthold AUERBACH (1812-1882) wurde 1812 in Horb am Neckar als Moses Baruch Auerbacher als neuntes Kind eines jüdischen Kaufmanns geboren. Nach dem Besuch einer jüdischen Grundschule in seinem Heimatort, wurde er 1825 Schüler einer Talmudschule in Hechingen. Als die Eltern 1827 in finanzielle Schwierigkeiten gerieten und das hohe Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten, übersiedelte Moses Baruch nach Karlsruhe, wo er bei einem Onkel wohnen konnte und eine Rabbinerschule besuchte.

1830 wechselte er aufs Gymnasium in Stuttgart und bekam ein Stipendium. 1832 begann AUERBACH in Tübingen ein Jusstudium, wechselte aber bald zur Philosophie. 1833 setzte er das Studium in München fort, wurde aber bald wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen Burschenschaft von der Universität ausgeschlossen und schloss sein Studium schließlich in Heidelberg ab. 1837 musste er für zwei Monate ins Gefängnis und damit war klar, dass er nicht Rabbiner werden konnte. Daher wandte er sich der Schriftstellerei.

1838 wurde er in Frankfurt/Main in eine Freimaurerloge aufgenommen. 1847 heiratete AUERBACH in
Breslau Auguste Schreiber, die schon ein Jahr später am Kindbettfieber starb. Gegen Ende 1848 lernte er in Wien Nina Landesmann kennen, die er 1849 in Eisgrub (heute: Lednice in der Tschechei) heiratete.

Berthold AUERBACH
(Lithographie, um 1850)
 Mit den Schwarzwälder Dorfgeschichten (1843-1854), in denen er
ein ganzes Dorf vom ersten bis zum letzten Hause
schilderte, gelang ihm der literarische Durchbruch. Das Werk gab der Erzählgattung der Dorfgeschichte ihren Namen und beeinflusste Autoren wie Honoré de BALZAC, Iwan Sergejewitsch TURGENEW und Leo TOLSTOI
.

Von 1849 bis 1859 lebte AUERBACH in Dresden, wo er das geschichtliche Trauerspiel Andree Hofer (1850) und das Schauspiel Der Wahrspruch (1854) herausgab. Weiter publizierte er die Erzählungen Neues Leben (1852), Friedrich von Schwaben und Der Brauer von Kulmbach
.

In Leipzig erschien 18581869 jährlich Berthold Auerbach's Deutscher Volkskalender (1858-1868) mit Beiträgen namhafter Autoren, u.a. drei Geschichten von Gottfried KELLER.

Dem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland stand er am Ende seines Lebens verbittert gegenüber und bemerkte:
Es ist eine schwere Aufgabe, ein Deutscher und ein deutscher Schriftsteller zu sein, und noch dazu ein Jude.


1881 zog sich AUERBACH eine Lungenentzündung zu und reiste auf Anraten der Ärzte zur Erholung nach Cannes, wo er 1882 starb.
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Hermann LÖNS (1866-1914) wurde 1866 in Culm (heute: Chełmno in Polen) bei Bromberg (heute: Bydgoszcz in Polen) in Westpreußen als erstes von 14 Kindern geboren. Der Vater war Gymnasiallehrer und stammte aus Westfalen. 1867 wurde der Vater nach Deutsch Krone (heute: Wałcz in Polen), am südlichen Ausläufer des riesigen Wald- und Heidegebietes „Tucheler Heide“ (heute: Bory Tucholskie), versetzt. Bis 1884 ging LÖNS dort in die Schule. Dann wurde der Vater nach Münster in Westfalen versetzt, wo LÖNS 1887 maturierte.

Anschließend folgten unterschiedliche Studien: Medizin in Greifswald (1887) und Göttingen (1888), 1889 Mathematik und Naturwissenschaften in Münster. Schon 1890 gab er das Studium auf – vermutlich wegen Alkoholexzessen. Das führte zum Bruch mit den Eltern.

LÖNS führte ein unstetes Familienleben. Er war zweimal verheiratet und hatte mehrere Freundinnen bzw. Lebensgefährtinnen.

Ab 1891 arbeitete er – anfangs mit wenig Erfolg, später ziemlich erfolgreich – als Journalist für mehrere Zeitungen. Aber während die journalistische Tätigkeit für ihn nur Broterwerb war, war ihm die Schriftstellerei ein echtes Anliegen. Er begann seine Journalistenlaufbahn 1892 in Hannover, wechselte 1906 nach Bückeburg und kehrte 1909 wieder nach Hannover zurück.

Schon ab 1893 unternahm LÖNS immer wieder Fahrten in die Lüneburger Heide. Um 1900 begann der Gedichte zu schreiben, von denen viele auch vertont wurden.

Hermann LÖNS
(Bronzestatue in Walsrode, 2006)
 Ab 1910 entstanden Kurzgeschichten und Erzählungen. Oft arbeitete er tage- und nächtelang und gönnte sich kaum eine Pause. Das führte später zu einem Nervenzusammenbruch, und LÖNS musste einige Zeit in einem Sanatorium verbringen.

1914 meldete sich LÖNS als Kriegsfreiwilliger zur Deutschen Wehrmacht und schon im September 1914 in Loivre, ca. 10km nördlich von Reims. Seine genaue Begräbnisstätte in Frankreich konnte nicht ermittelt werden. 1935 wurde bei Walsrode ein Ehrengrab errichtet.

Obwohl – oder vielleicht gerade weil – LÖNS in einer städtischen Umgebung aufgewachsen war, begeisterte er sich besonders für die Heidelandschaft. Die Verstädterung zu Beginn des industriellen Massenzeitalters war ihm ein Dorn im Auge, er hing am kargen Sandboden der Heide und an ihren Bauern. Wochenland wohnte er in seiner Jagdhütte im Westenholzer Bruch. Von dort ging er auf die Jagd in Wald, Heide und Moor, war aber mehr Wildhüter als Jäger. Viele seiner Werke beinhalten Tier- und Jagdgeschichten sowie Landschaftsschilderungen.

Die Werke Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide (1909), Dahinten in der Heide (1910) und Das zweite Gesicht. Eine Liebesgeschichte (1911) waren sehr populär.

Die Helden des Romans Der letzte Hansbur sind keine konstruierten Figuren, sondern lebendige Menschen, wie sie uns im täglich Leben begegnen, heute so wie morgen und in aller Zukunft. Da ist der Hansbur, ein Mann mit Schwächen und Leidenschaften, die er von seinen Vorfahren geerbt hat. Er wächst in der Umwelt des väterlichen Hofes in der Lüneburger Heide auf, wo das Leben von alter bäuerlicher Tradition bestimmt ist. Hier gelten die Gesetze von Recht und Unrecht für Pflicht und Gehorsam, für das gesamte Dasein in ihrer urtümlichen Form
.

LÖNS hat die an ihn gerichtete Frage, ob man diesen Roman auch Frauen in die Hände geben könne, wie folgt beantwortet:
Es ist ein Buch für Männer und Frauen, die Darstellung ist so, daß gesund erzogene Mädchen, die erwachsen genug sind, ihn getrost lesen können. Prüde, verbildete Menschen werden manches unmoralisch finden, aber was kann ich dafür, wenn der Hansbur ein bißchen viel rote Blutkörperchen hat.

Die Erzählung Dahinten in der Heide handelt von einem Landstreicher namens Lüder Volkmann, der die Welt gesehen hat. Er ist gebildet und kennt sich gut in der Natur und Jagd aus. Nachdem Volkmann einen Bauernhof geerbt hat, steigt er bis zum Dorf-Vorsteher auf. Zu Anfang der Geschichte verliebt er sich, verliert die Frau aber dann aus den Augen.

Die Erzählung zeigt das damalige Bauernleben mit all seinen Vor- und Nachteilen. Jedes Kapitel trägt den Namen eines Vogels. Die einfache, bäuerliche Sprache vermittelt dem Leser den Eindruck mitten im Geschehen zu sein.

Der Roman Der Wehrwolf (1910) gewann in der Zeit des Nationalsozialismus noch an Zuspruch, da er gut zur Ideologie der damaligen Zeit passte.

Er beschreibt den Partisanenkampf eines niedersächsischen Bauerndorfes im Dreißigjährigen Krieg gegen Landstreicher, Marodeure und schwedische Soldaten.

Einige von LÖNS‘ Werken wurden für das Kino adaptiert und erreichten so ein weit größeres Publikum als die gedruckten Texte. Der Roman Das zweite Gesicht wurde 1956 unter dem Titel Rot ist die Liebe verfilmt.
   

  
  
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Ludwig ANZENGRUBER (1839-1889) fand zu Lebzeiten relativ wenig Beachtung. Seine dem ausgehenden Realismus zuzurechnenden Theaterstücke können als Vorläufer der naturalistischen Dramen späterer deutschsprachiger Dichter angesehen werden, waren aber für den Naturalismus insofern kaum von Bedeutung, als sie viel zu wenig Verbreitung fanden.

ANZENGRUBER wurde 1839 in Wien als Sohn eines aus Oberösterreich stammenden Beamten geboren, der selbst – allerdings ziemlich erfolglos – schriftstellerisch tätig war. Nach dem frühen Tod des Vaters (1844) war es für die Mutter sehr schwierig, mit der kleinen Witwenpension das Auslange zu finden. Die Großmutter unterstützte die kleine Familie. Als sie 1854 starb, wurde die finanzielle Situation noch schwieriger. ANZENGRUBER musste seine Schulausbildung 1856 abbrechen und wurde Lehrling in einer Buchhandlung auf dem Neuen Markt in Wien. Dort las er allerdings mehr als er arbeitete und verlor die Stelle 1859 wieder.

Ab 1860 war er wenig erfolgreicher Schauspieler bei Wandertruppen (in Niederösterreich, in der Steiermark, in Westungarn und Kroatien). Ab 1866 war er wieder in Wien und hatte kleine Engagements am neu eröffneten Harmonietheater (im 9. Bezirk) und am Varietétheater im (13. Bezirk). 1869 wurde er Schreiber in der Wiener Polizeidirektion.

Ludwig ANZENGRUBER
(ca. 1885)
 In dieser Zeit begann ANZENGRUBER zu schreiben, vorerst für einige humoristische Zeitschriften wie z.B. Kikeriki. Unter dem Pseudonym Ludwig GRUBER gelang ihm 1870 der Durchbruch mit dem Stück Der Pfarrer von Kirchfeld, das am Theater an der Wien uraufgeführt wurde und ihn über Nacht berühmt machte. Heinrich Laube, der Leiter des Burgtheaters, schrieb eine lobende Kritik, Peter ROSEGGER suchte die Freundschaft ANZENGRUBERs. Der über Nacht erfolgreich gewordene Autor gab die niedere Beamtenlaufbahn wieder auf und konnte nun als freier Schriftsteller tätig werden.

Unter dem Pseudonym Ludwig GRUBER gelang ihm 1870 der Durchbruch mit dem Stück Der Pfarrer von Kirchfeld, das am Theater an der Wien uraufgeführt wurde und ihn über Nacht berühmt machte. Heinrich Laube, der Leiter des Burgtheaters, schrieb eine lobende Kritik, Peter ROSEGGER suchte die Freundschaft ANZENGRUBERs. Der über Nacht erfolgreich gewordene Autor gab die niedere Beamtenlaufbahn wieder auf und konnte nun als freier Schriftsteller tätig werden
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Auch die nächsten Stücke, Der Meineidbauer und Die Kreuzelschreiber, mit denen es dem Autor gelang, das aktuelle Zeitstück mit der traditionellen Volkstheaterkomödie zu verknüpfen, waren sehr erfolgreich und wurde in ganz Europa aufgeführt.

1873 heiratete ANZENGRUBER die erst 16jährige Adelinde Lipka. 1875 starb die Mutter. Die Ehe mit Adelinde war nicht glücklich und wurde 1889 geschieden.

Der nächste große Erfolg war das Lustspiel Der G'wissenswurm (1874). Das Trauerspiel Hand und Herz (1874) jedoch, das in Hochsprache verfasst war (damit es am Burgtheater überhaupt eine Chance hatte, aufgeführt zu werden), fiel beim Publikum durch. Die Tragödie Das vierte Gebot wurde 1877 in Wien sogar abgelehnt. Erst nachdem es 1890 mit großem Erfolg in Berlin aufgeführt worden war, interessierte man sich auch in Wien dafür.

Ab 1879 wandte sich ANZENGRUBER, bedingt durch den nachlassenden Erfolg am Theater und auch wegen der verschärften Zensurbestimmungen, wieder dem Journalismus zu. Von 1882 bis 1885 leitete er die Redaktion des volkstümlichen illustrierten Familienblattes Die Heimat, ab 1884 war er Redakteur des Wiener Witzblattes Figaro, und 1888 übernahm er die Redaktion des illustrierten Kalenders Der Wiener Bote.

Im gleichen Jahr wurde ANZENGRUBER Dramaturg am Wiener Volkstheater, das im Herbst 1889 mit seinem Theaterstück Der Fleck auf der Ehr eröffnet wurde. Ende November 1889 erkrankte er an Milzbrand und starb zwei Wochen später in Wien.

ANZENGRUBER brach mit der Tradition des französischen Gesellschaftsstückes und der üblichen Lustspiele. Zu der Zeit, als in Deutschland Gerhart HAUPTMANN tätig war, gab es in Österreich kaum Schriftsteller, die man als „reine“ Naturalisten bezeichnen könnte. Freilich gab es auch in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie soziales Elend und größte Not, aber es widerstrebte den Dichtern, diese Probleme, v. a. das Hässliche, darzustellen.

ANZENGRUBER wollte (wie vor ihm Johann NESTROY) durch das Vorstadttheater auf das Volk wirken. Da er sich auch als Schauspieler versuchte, lernte er auf diese Weise das Theater von der Bühne her kennen. Seine Stücke spielen meist im bäuerlichen Milieu, die Sprache ist gerade nur so viel Mundart, dass sie für das Wiener Publikum gut verständlich bleibt.


Politisch dachte ANZENGRUBER liberal und stand dem Katholizismus kritisch gegenüber. Seine Werke entwickelten sich von einem Spiegel der Gesellschaft zur sozialen Gesellschaftskritik. Hauptmotiv ist der Konflikt zwischen dem äußeren Glaubenszwang und der Gewissensfreiheit, ein häufig wiederkehrendes Thema des späten 19. Jh.s. ANZENGRUBER ging es um das Gewissen des einfachen Mannes, um dessen politische und ökonomische Rechte. Seine bühnenwirksamen Tragödien und Komödien spielen auf dem Dorf; seine Figuren sind meist Bauern und Pfarrer, mitunter absonderliche Typen.

Das Volksstück mit Gesang Der Pfarrer von Kirchfeld (1870) zeigt die Schwierigkeiten auf, die sich für Pfarrer Hell ergeben, als er sich entscheiden muss, ob er befolgen soll, was die Obrigkeit von ihm verlangt, oder ob er nur auf sein Gewissen hören soll.

Schon seit über vierzig Jahren ist der Revierförster Markus Lux in den Diensten des Grafen von Finsterberg. Doch in diesem Jahr will sein Herr in Kirchfeld jagen, und Markus kann sich nicht erklären, weshalb. Da hört er, dass eine Hochzeit gefeiert werden soll, wie sie gerade erst von der weltlichen Obrigkeit erlaubt worden ist: eine Vermählung zwischen einem Katholiken und einer Protestantin. Was wird der Pfarrer von Kirchfeld dazu sagen, der dafür bekannt ist, viel Verständnis für weltliche Probleme zu haben? Am Ende wird er gezwungen, seine Pfarre zu verlassen, weil der Graf gegen ihn intrigiert hat.

Unbarmherzig geißelt ANZENBRUBER in dem Drama Der Meineidbauer, Volksstück mit Gesang in drei Akten (1871) die bis zum Verbrechen führende bäuerliche Besitzgier.

Ferner, ein hartherziger Gewaltmensch, hat durch einen falschen Eid die Kinder seines Bruders um ihren Besitz gebracht und ins Elend getrieben. Gegen sein Gewissen und die drohende Aufdeckung seines Verbrechens verteidigt er den errungenen reichen Hof. Schließlich schießt er sogar auf seinen eigenen Sohn, um das Geheimnis seiner Missetat zu wahren. Doch dieser wird gerettet. Ferner fällt den Dämonen des bösen Gewissens zum Opfer und stirbt, von entsetzlichem Wahnsinn gefoltert.

Die Kreuzelschreiber (1872) sind Bauern, die nicht schreiben können und daher mit drei Kreuzen unterschreiben. Sie wenden sich, ohne zu wissen, was sie unterschreiben, gegen eine Entscheidung des Papstes, und werden durch einen vom Kaplan ihres Ortes angefachten Liebesstreik ihrer Frauen dazu gebracht, wieder „in den Schoß der Kirche zurückzukehren“.

Der G’wissenswurm (1874) plagt den reichen Bauern
Grillhofer: vor Jahren hat er eine Magd verführt und sie, obwohl sie ein Kind von ihm erwartete, sitzen gelassen. Als er einen Schlaganfall erleidet, beginnen seine Gedanken um den Tod zu kreisen und er möchte Buße für seine Jugendsünden tun. Sein heuchlerischer Schwager Dusterer redet ihm ein, er könne nur Vergebung erlangen, wenn er ihm, dem armen Verwandten, den Hof überschreibe. Grillhofer aber gelingt es, die Mutter seiner Tochter und die Tochter selbst wieder zu finden. Sie erbt den Hof und heiratet den Großknecht.

Eine Weiterentwicklung des alten Volksstückes schuf ANZENGRUBER mit seinen sozialen Sittenstücken, unter denen vor allem Das vierte Gebot (1878) den Naturalismus bereits weitgehend vorwegnimmt. Mit einem auch vor krassen Szenen nicht zurückschreckendem Realismus wird gezeigt, wie sowohl in den „besseren“ wie auch in den einfachen Kreisen die Jungen an den Sünden der Alten zugrunde gehen.

Im reichen Vorderhaus verkuppelt der
Hausbesitzer Hutterer aus Geldgier seine Tochter lieber mit einem reichen notorischen Wüstling, anstatt sie den braven Klavierlehrer Robert Frey heiraten zu lassen.

Im Nachbarhaus lebt die verkommene Familie des
Tischlers Schalanter, der ein Trunkenbold ist. Infolge des schlechten Beispiels der Eltern wird die Tochter eine Dirne und der Sohn ein Lump. Dieser sinkt schließlich zum Mörder ab und erschießt seinen Vorgesetzten. Einen schweren Stand hat der junge Priester, der seinen ehemaligen Schulkameraden zum letzten Gang vorbereitet, als er diesem gegenüber das vierte Gebot rechtfertigen soll; als er ihn ermahnt, Vater und Mutter zu ehren, fordert ihn der Verurteilte auf:
Sag's auch von der Kanzel den Eltern, dass s' darnach sein sollen.
  

Einer der erfolgreichsten Vertreter der Heimatkunst in Österreich mit einer sehr großen Lesergemeinde im ganzen deutschen Sprachraum war Peter ROSEGGER (1843-1918).

Peter ROßEGGER wurde als armer Waldbauernbub in Alpl bei Krieglach in der Steiermark geboren. Da er zum Bauern zu schwach, zum Studieren zu arm war, kam er zu einem Schneider in St. Kathrein am Hauenstein in die Lehre, mit dem er ab 1860 fast fünf Jahre lang von Gehöft zu Gehöft „auf die Stör“ ging. Dies ermöglichte es ihm, Eigenart und Charakter der obersteirischen Bauern gründlich kennenzulernen. Das wenige Geld, das er verdiente, investierte er in Bücher, und bald begann er selbst zu schreiben.

Anfangs versuchte er sich im Verfassen von Dialektgedichten und Kurzgeschichten. Als Dr. Adalbert Svoboda, der Redakteur der Grazer Tagespost, zufällig sein Talent entdeckte, ermöglichten es er und andere Gönner, dass ROSEGGER von 1865 bis 1869 die Grazer Akademie für Handel und Industrie besuchen konnte.

1869 begann er mit der Veröffentlichung seiner Werke, die in schneller Folge entstanden. Er änderte seinen Namen auf ROSEGGER, da es in seiner Heimat mehrere Peter ROßEGGER gab, mit denen er nicht verwechselt werden wollte. Ein für drei Jahre bewilligtes Landesstipendium ermöglichte ihm Reisen durch Norddeutschland, Holland, die Schweiz und Italien.

Peter ROSEGGER
(Porträt in der Gartenlaube, 1888)
 1873 heiratete Anna Pichler, die 1875 nach der Geburt des zweiten Kindes starb. 1876 begründete er die Zeitschrift „Roseggers Heimgarten, Zeitschrift für das deutsche Haus“ und lebte von nun an als freier Schriftsteller in Graz und Krieglach, wo er sich 1877 nach eigenen Plänen ein Landhaus erbauen ließ. Dieses Wohnhaus ist heute ein Museum. Ab 1878 unternahm ROSEGGER immer wieder Lesereisen, die ihn u.a. nach Dresden, Leipzig, Weimar, Berlin, Hamburg, Kassel, Karlsruhe und München führten. 1879 heiratete er Anna Knaur, mit der er drei Kinder hatte. Er starb 1918 in Krieglach.

ROSEGGERs Einstellung war bäuerlich-konservativ Er wollte mit seinen Werken die alte bäuerliche Kultur gegen die Landflucht und die fortschreitende Industrialisierung verteidigen. Mit ROSEGGER beginnt die museale Pflege der bäuerlichen Kultur, die in der Volkskunde ihre wissenschaftliche Begründung erhielt.

Seine Gedichte in „stoansteirischer“ Mundart sind nicht weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus gedrungen.

Die Erzählungen und Romane bieten realistische Schilderungen voller Wehmut über die verlorene romantische Idylle der alten Berg- und Bauernwelt. Und gerade dies ist dem städtischen Bürgertum entgegengekommen: Die sentimentale Erinnerung an die verlorene Welt der Vorfahren bildete den Ausgleich zur Industrialisierung der Gründerzeit. ROSEGGER stellte der von Fabriken entstellten, moralisch geschädigten Welt die unversehrte Bergwelt der Täler und Ebenen gegenüber. Seine wichtigsten Schriften sind: Die Schriften des Waldschulmeisters (1875), Waldheimat (4 Bde.,1877), Jakob der Letzte (1888), Erdsegen (1900) und Als ich noch der Waldbauernbub war (1900-1902).

Die vier Bände Waldheimat. Erzählungen aus der Jugendzeit (1877), die Kindheitsgeschichten des Dichters, gehören zu den Klassikern der Heimatliteratur. Sie tragen, wie fast alle seine Werke, autobiographische Züge. Den Hintergrund dieser Geschichten bildet die abgeschiedene, noch intakte Alpenwelt, in der er aufgewachsen ist.

Jakob der Letzte betreibt einen Bauernhof im Dorf Altenmoos. Dort kauft ein Großgrundbesitzer alle Höfe auf, um seine Jagdgründe zu erweitern. Nur Jakob leistet Widerstand. Seine Frau stirbt, einer seiner Söhne fällt im Krieg, der andere ist verschollen, die Knechte kündigen ihm den Dienst. Er kämpft verzweifelt um seine Existenz. Nachdem er schließlich einen Waldheger erschossen hat, geht er ins Wasser. Sein verschollener Sohn aber wandert nach Amerika aus, beginnt dort den Urwald zu roden und  sich eine Existenz aufzubauen.

Erdsegen gilt als der heiterste Roman von ROSEGGER.

Der Wiener Wirtschaftsjournalist Hans Trautendorfer wettet in der Silvesternacht 1899/1900 mit seinem Herausgeber Dr. von Stein um 20.000 Kronen, dass es ihm gelingen würde, seine gutdotierte und bequeme Stellung aufzugeben und stattdessen für ein ganzes Jahr die das karge Leben eines Bergbauern-Knechts zu führen.

Aber schon die Suche nach einem bäuerlichen Arbeitgeber erweist sich als schwierig und der harte Alltag des Landlebens beim "Adamshauser-Bauern" ist für Trautendorfer kein Honiglecken.

Der Herausgeber bietet Trautendorfer an, die Wette für null und nichtig zu erklären und in die Redaktion zurückkehren. Aber der Journalist hat sich mittlerweile in die Tochter des Bauern verliebt, die ein uneheliches Kind vom Dorfschullehrer erwartet. Die Geschichte endet mit dem Tod des alten Bauern, der Hochzeit des ungleichen Paares und der Übernahme des Hofes durch Trautendorfer als neuem "Adamshauser".