WELTLITERATUR IM REALISMUS

 

Dichter aus folgenden Nationen sollen in der Folge hier vorgestellt werden:

 

Vereinigtes Königreich Großbritannien und Irland
 Thomas HARDY
 Henry JAMES
 Frances Hodgson BURNETT
 Joseph Rudyard KIPLING
Frankreich
 Gustave FLAUBERT
Tschechische Republik (damals: Österreich-Ungarn)
 Jan NERUDA
Russland
 Fjodor Michailowitsch DOSTOJEWSKI
 Leo Nikolajewitsch TOLSTOI
 Anton Pawlowitsch TSCHECHOW
USA
 Mark TWAIN

 

VEREINIGTES KÖNIGREICH GROSSBRITANNIEN und IRLAND

Thomas HARDY (1840-1928) wurde 1840 in Higher Bockhapmpton in Dorset als Sohn eines Baumeisters geboren. Da seine Eltern nicht genug Geld hatten, um ihn studieren zu lassen, wurde er 1856 Lehrling bei einem Architekten. Erst 1862 begann er ein formelles Studium am King’s College London. und begann dann – neben seiner Tätigkeit als Kirchenrestaurator – zu schreiben. 1870 lernte er Emma Lavinia Gifford kennen, die er 1874 heiratete. Obwohl die Beziehung schwierig war, trauerte HARDY sehr, als seine Frau 1912 starb, und widmete ihr in der Folge seine Poems 1912-1913.

1914 heiratete HARDY seine Sekretärin Florence Emily Dugdale. Im Dezember 1927 erkrankte er an einer Brustfellentzündung und starb im Jänner 1928 in seinem Haus Max Gate in der Nähe von Dorchester.


Für seinen ersten Roman, The Poor Man and the Lady (1867) fand HARDY keinen Verleger und vernichtete den Großteil des Manuskripts.

Sein Freund und Mentor, der viktorianische Dichter George MEREDITH.
Ermutigte ihn, trotzdem wieder zu schreiben. In der Folge wurden die Romane Desperate Remedies (1871) und Under the Greenwood Tree or The Mellstock Quire: A Rural Painting of the Dutch School (Die Liebe der Fancy Day, 1872) anonym veröffentlicht.

Thomas HARDY
 Erst den Roman A Pair of Blue Eyes (Blaue Augen, 1873), in dem er das Werben um seine erste Frau thematisierte, veröffentlichte er unter seinem eigenen Namen. Der Begriff "Cliffhanger" geht zurück auf diesen Roman, der erstmals 1872/73 in Fortsetzungen in Tinsley's Magazine veröffentlicht wurde.

HARDY setzte sich mit seinen Romanen deutlich ab vom konventionellen Bild der viktorianischen Zeit (1837-1901), das die meisten seiner Zeitgenossen in ihren Werken beschrieben. Die folgenden Romane spielen in seiner Heimat Dorset, die er Wessex nennt, und führen uns vor Augen, wie die arme Landbevölkerung damals lebte.

Der erste der sog. Wessex-Romane, Far from the Madding Crowd (Am grünen Rand der Welt, 1874) wurde ebenfalls zuerst anonym in Fortsetzungen im Cornhill Magazine veröffentlicht. Dieser Roman brachte HARDY den Durchbruch. Er war so erfolgreich, dass er sich von da an nur mehr der Schriftstellerei widmen konnte. Für die Ausgaben von 1895 und 1901 wurde der Roman vom Autor überarbeitet.

In der Folge übersiedelte HARDY zuerst nach Yeovil und dann nach Sturminster Newton, wo er den Roman The Return of the Native (Die Heimkehr/ Die Rückkehr / Auf verschlungenen Pfaden, 1878) verfasste.

Schließlich übersiedelte er nochmals, diesmal in das von ihm selbst entworfene und von seinem Bruder erbaute Haus Max Gate in der Nähe von Dorchester. Dort entstanden die bekanntesten Romane: The Mayor of Casterbridge. The Life and Death of a Man of Character (Der Bürgermeister von Casterbridge. Leben und Tod eines Mannes von Charakter, 1886), The Woodlanders (Die Woodlanders, 1887), und Tess of the d'Urbervilles. A Pure Woman: Faithfully Presented (1891).

Einst hatte der Erntearbeiter und spätere Bürgermeister von Casterbridge, David Henchard, unter Alkoholeinfluss seine Frau Susan und seine kleine Tochter Elizabeth-Jane für fünf Guineen an den Seemann Mr. Newson verkauft.

19 Jahre später ist er der angesehene Bürgermeister von Casterbridge, und die Leute denken, er sei ein Witwer. Eine Beziehung mit
Lucette le Sueur kann er nicht legalisieren, weil er ja noch immer mit Susan verheiratet ist – obwohl er keine Ahnung hat, ob sie noch lebt. Susan taucht eines Tages wieder in Casterbridge auf. Newson ist tot. Erst kurz vor seinem Tod war Susan klar geworden, dass ihre Ehe mit Henchard womöglich immer noch gültig ist. Der Untergang von Henchard lässt sich nicht mehr aufhalten.


HARDYs bekanntester Roman ist Tess of the d’Urbervilles (Tess von den d’Urbervilles. Eine reine Frau, 1891). Die viktorianische Gesellschaft war anfangs wenig überzeugt – allein schon vom Titel. HARDY stellte eine „gefallene Frau“ dar, bezeichnete sie aber als „rein“.

Der Vater des armen Bauernmädchens
Tess bildet sich ein, ein Nachkomme  der alten Adelsfamilie d’Urberville zu sein. Tess wird von einem Adeligen verführt und sitzengelassen. Ein armer, anständiger Mann heiratet sie. Kurze Zeit lebt sie mit ihm glücklich in der Einsamkeit des New Forest. Als sie ihrem Verführer ein zweites Mal begegnet, tötet sie ihn. Sie wird verhaftet, verurteilt und hingerichtet.

Der Roman Jude the Obscure
, (Juda, der Unberühmte / Herzen in Aufruhr, 1895) rief in der viktorianischen Mittelklasse noch mehr Aufregung hervor und wurde Kritikern spöttisch als "Jude the Obscene" bezeichnet. Aber nicht nur die Öffentlichkeit war empört – auch Emma Hardy, die autobiographische Züge in dem Buch sah. Aber bekanntlich sorgt ja öffentliche Aufregung auch für Neugier – und so verkaufte sich das Buch gut und machte HARDY noch bekannter als er schon war. Trotzdem war er auch sehr enttäuscht über die negative Rezeption und gab in der Folge das Schreiben ganz auf.

Jude Fawley ist ein einfacher Baumeister aus der Region Wessex, der sich eigenständig weiterbilden will. Er verliebt sich in die überhebliche Arabella Donn, die er zwar heiratet, die ihn aber bald verlässt. Er geht nach Christminster (Oxford diente HARDY als Vorbild für diese fiktive Stadt), wo er sich in seine freigeistige Cousine Sue Bridehead verliebt, die ihn zwar auch liebt aber trotzdem den Lehrer Mr. Phillotson heiratet. Schließlich verlässt Sue ihren Mann und lebt mit Jude in wilder Ehe. Sie haben zwei Kinder.

Dann erfährt Jude, dass er auch aus erster Ehe ein Kind hat, den kleinen Jude. Er nimmt den Knaben in seinen Haushalt auf. Da Jude und Sue nicht verheiratet sind, sind sie immer wieder mit gesellschaftlicher Ächtung konfrontiert. Da Jude Jr. annimmt, er und seine Halbgeschwister seien die Ursache für die Probleme der Eltern, tötet er seine Halbgeschwister und erhängt sich anschließend.

Sue verlässt Jude und kehrt zu Phillotson zurück. Arabella gelingt es ein zweites Mal, Jude zu einer Eheschließung zu überreden. Nachdem er in eiskaltem Wetter noch einmal Sue besucht hat, wird er krank und stirbt.
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Henry JAMES (1843-1916) war befreundet mit Robert Louis STEVENSON.

 

Er wurde 1843 in New York als Sohn eines wohlhabenden amerikanischen Ehepaares geboren. Sein Vater, Henry James Sr., war ein der angesehener Intellektueller, zu dessen Freunden Henry David THOREAU, Ralph Waldo EMERSON und Nathanial HAWTHORNE zählten. Von früher Jugend an wurde JAMES mit den Klassikern britischer, amerikanischer, französischer und deutscher Literatur vertraut gemacht.

 

1862 begann er ein Studium der Rechtswissenschaften an der Harvard Law School. Bald stellte er fest, dass ihm die Literatur wichtiger war. Er begann zu schreiben und veröffentlichte seine ersten Erzählungen in Fortsetzungen in amerikanischen Zeitschriften.

 

1875 ließ sich in England nieder. Zahlreiche Europareisen hatten sein Interesse an der europäischen Kultur geweckt. Erst 1905 reiste er erstmals wieder in die USA. 1915 bewarb er sich – unter dem Schock des WK I und um gegen die Nichteinmischungspolitik der USA zu protestieren – um die britische Staatsbürgerschaft. JAMES starb 1916 in Chelsea.


Henry JAMES
(Foto, 1905)
 Eines seiner wichtigsten Themen ist der Gegensatz zwischen der Vielfalt in der europäischen Kultur und der Derbheit Amerikas. Diese wird ausgeglichen durch das Bewusstsein der Dekadenz Europas und der unschuldigen Begeisterungsfähigkeit Amerikas.

Die Heldin von JAMES‘ berühmtestem Roman, Portrait of a Lady (Bildnis einer Dame, 1881), Isabel Archer, kann es sich erlauben, mehrfach Heiratsanträge abzulehnen, weil ein wohlhabender Cousin ihr zu einem beträchtlichen Vermögen verhalf. Als sie schließlich Gilbert Osmond heiratet, ist die Ehe ein Misserfolg: er hat sie nur wegen ihres Geldes geheiratet und schreckt nicht davor zurück, sie schlecht zu behandeln.

Die Heldin des Romans Washington Square (Die Erbin vom Washington Square; erschienen in Fortsetzungen im Cornhill Magazine zwischen Juni und November 1880, erste Buchausgabe 1881), Catherine Sloper, muss gegen die Ablehnung ihres Vater ankämpfen, als sie sich in den mittellosen Morris Townsend verliebt. Ihr Vater, Dr. Austin Sloper, der es ihr nie verziehen hat, dass ihre Mutter bei ihrer Geburt starb, sieht in Townsend nur einen gewissenlosen Mitgiftjäger. Als er droht, Catherine zu enterben, verlässt Townsend das ihm treu ergeben Mädchen. Trotzdem ist sie, als der Vater stirbt, nicht bereit, ihm zu versprechen, dass sie Townsend nie heiraten wird. Sie nimmt es lieber in Kauf, auf den größten Teil ihres Erbes zu verzichten. Als sich Townsend ihr zwanzig Jahre nach der Trennung wieder nähert, weist sie ihn mit der gleichen stillten Unerschütterlichkeit zurück, mit der sie früher zu ihm gehalten hat, und bewahrt sich so ihre Selbstachtung.

Der Roman The Wings of the Dove (Die Flügel der Taube, 1902) führt in die gute Londoner Gesellschaft und in das multikulturelle Venedig. Kate Croy lebt seit dem Tod ihrer Mutter bei ihrer reichen Tante Maude Lowder und soll auch mit einem vermögenden Mann verheiratet werden. Sie hat sich aber in den mittellosen Journalisten Merton Densher verliebt und muss sich nun zwischen Reichtum oder Liebe entscheiden. Merton lernt in New York die wohlhabende Amerikanerin Milly Theale kennen. Als Milly bald darauf nach London kommt und sich mit Kate anfreundet, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Als Maude und Kate erfahren, dass Milly sehr krank ist und bald sterben wird, entwickeln sie einen teuflischen Plan: Merton soll Milly heiraten und sie nach ihrem Tod beerben. Sie fahren alle nach Venedig, wo Milly einen Palazzo gemietet hat. Diese verliebt sich in Merton. Als sie von der heimlichen Verlobung zwischen Kate und Merton erfährt, zerbricht ihr Lebenswille. Nach Millys Tod will Kate das Geld nicht haben, und so zerbricht auch ihre Beziehung zu Merton.

Auch zwei Jahre später in The Golden Bowl (Die goldene Schale, 1904) thematisierte JAMES wieder die Ehe um des Geldes willen. Amerigo, ein verarmter italienischer Prinz, heiratet die Amerikanerin Maggie Verver, deren Vater vermögend ist. Aber vorher hatte der Prinz eine Affäre mit Maggies mittelloser Freundin Charlotte Stant. Charlotte heiratet in der Folge Maggies Vater.
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Frances Hodgson BURNETT (1849-1924) wurde 1849 in Manchester als Frances Eliza HODGSON geboren. Nach dem Tod ihres Vaters wanderte sie 1865 mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Amerika aus, wo sie sich in Knoxville/Tennessee niederließen. Mit 17 Jahren begann sie zu schreiben. Die Motive ihrer Erzählungen und Romane schöpfte sie aus dem Erlebnisbereich ihrer englischen Heimat.

1872 heiratete sie den Arzt
Dr. Swan Moses Burnett (1873-1898), mit dem sie zwei Jahre lang in Paris lebte, wo sie zwei Söhne bekam. Dann zog das Paar nach Washington DC, wo sie begann, Romane zu schreiben.

Ab den 1880er Jahren reiste sie regelmäßig nach
England und von 1898 bis 1907 lebte sie in Great Maytham Hall. Dort regte sie der von einer Mauer umgebene Garten an zu dem Roman Der geheime Garten (1911). 1892 starb ihr älterer Sohn Lionel an Tuberkulose, was sie in tiefe Depression stürzte. 1898 ließ sie sich von Dr. Burnett scheiden und heiratete 1900 den Schriftsteller Stephen Townsend, der schon ein Jahr später starb.

Frances Hodgson BURNETT
 Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte die Schriftstellerin in Long Island und auf Bermuda. Sie starb 1924 in Plandome (NY).

In ihren bekanntesten Romanen sind Kinder die Hauptpersonen.

Little Lord Fauntleroy (Der kleine Lord, 1886) ist
Cedric Errol, der Sohn eines englischen Adeligen und einer Amerikanerin, der von seinem Großvater, Graf Dorincourt, als sein letzter Erbe nach England geholt wird. Der alte Graf ist mürrisch und weigert sich, seine Schwiegertochter kennen zu lernen. Aber Cedric gewinnt das Herz seines Großvaters, der durch die Zuneigung des Kindes viel aufgeschlossener wird.

Sara, die Heldin des Romans A Little Princess (Sara, die kleine Prinzessin 1905) wuchs in Indien auf. Nach dem Tod ihrer Mutter schickt ihr Vater sie auf eine englische Internatsschule. Als er bald darauf stirbt, ist Sara bitterarm, weil ihr Vater angeblich sein ganzes Vermögen verloren hat. Schließlich taucht aber der beste Freund ihres Vaters auf und klärt alle Missverständnisse: Sara hat nun wieder Vermögen und verwendet ihr Geld auch dazu, armen Leuten zu helfen.

The Secret Garden (Der geheime Garten 1910) befindet sich auf einem Landgut, auf das
Mary Lennox kommt, nachdem sie in Indien ihre Eltern verloren hat. Das Landgut gehört ihrem Onkel, der sehr zurückgezogen lebt. Eines Tages entdeckt Mary in einem abgedunkelten Zimmer ihren Cousin Colin, der fast ständig im Bett liegt und glaubt, er werde bald sterben. Als Mary bald darauf den Eingang zum Garten findet, in dem sich Colins Mutter am liebsten aufhielt, erweckt sie ihn mit Dickon, einem Jungen aus dem Dorf, zu neuem Leben. Und gemeinsam gelingt es den beiden auch, Colins Lebenswillen zu wecken und seinem Vater wieder die Lebensfreude zurückzugeben.

Der Roman The Lost Prince (1915) erzählt von
Marco Loristan, seinem Vater Stefan und seinem Freund, dem Straßenkind The Rat. Stefan ist ein Patriot aus dem fiktiven Königreich Samavia und hat es sich zum Ziel gesetzt, den grausamen Diktator in seinem Land zu stürzen. In London freundet sich Marco  mit dem verkrüppelten Straßenkind The Rat an, der den militärischen Klub The Squad anführt.

Stefan erkennt, dass zwei Buben weniger auffallen al seiner und betraut den Klub mit einer Mission: sie sollen quer durch Europa reisen und die geheime Parole ausgeben „Die Lampe ist angezündet“.

The Rat soll bei dieser Mission sein Adjutant sein. Es gelingt den beiden Buben, eine Revolution anzufachen, die den Diktator stürzt und den alten, rechtmäßigen König wieder einsetzt. Als Marco und The Rat nach London zurückkehren, ist Stefan schon nach Samavia abgereist. Gemeinsam mit Stefans treuem Leibwächter
Lazarus warten die beiden Buben, bis Stefan sie nachkommen last. Erst dann erfährt Marco, dass sein Vater Ivor Fedorovitch, der rechtmäßige König von Samavia, ist.
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Joseph Rudyard KIPLING (1865-1936) wurde 1865 in Bombay (heute: Mumbai, Indien) geboren, wo sein Vater Lehrer an einer Werkkunstschule war. Den ungewöhnlichen Vornamen Rudyard wählten die Eltern, weil sie sich am Rudyard Lake in Staffordshire verlobt hatten. Ab 1871 besuchte er in England die Schule. 1877 kam die Mutter nach England, 1878 kam KIPLING auf eine Militärschule. 1882 kehrte er nach Indien zurück. Zuerst arbeitete er als Journalist für die „Civil & Military Gazette“ in Lahore (damals: Indien, seit 1947: Pakistan) wandte sich dann aber bald der Schriftstellerei zu.

Ab Mitte der 1880er Jahre bereiste er den indischen Subkontinent als Korrespondent der Zeitschrift The Pioneer, die in Allahabad erschien. In dieser Zeit hatte er erstmals Erfolg mit Kurzgeschichten: bis 1888 wurden 6 Bände (z.B. Soldiers Three) herausgegeben. Eine dieser Kurzgeschichten, The Man Who Would Be King (Der Mann, der König sein wollte), wurde 1975 verfilmt.

1889 kehrte KIPLING nach
London zurück, wo er in mehrere Clubs aufgenommen wurde, und wo u.a. Henry JAMES zu seinen Förderern zählte.

1892 heiratete er
Caroline Balestier und zog mit ihr für einige Zeit in die USA, wo er aber nicht heimisch werden konnte. Daher kehrte er mit seiner Frau relativ bald wieder nach England zurück. In den USA begann er Kinderbücher zu schreiben. In dieser Zeit entstanden The Jungle Book (Das Dschungelbuch, 1894) und The Second Jungle Book (Das zweite Dschungelbuch, 1895).

Joseph Rudyard KIPLING
 1898 reiste KIPLING nach Afrika, wo er sich mit Cecil Rhodes anfreundete und Material für ein weiteres Kinderbuch sammelte. Er widmete die Just so Stories (Genau-so-Geschichten, 1902), seiner Tochter.

Während des Burenkriegs (1899-1902) hielt sich KIPLING wiederholt in Südafrika auf. Im WK I verfiel KIPLING in eine tiefe Krise: Sein Sohn John war 1915 in der Schlacht bei Loos gefallen. Kipling 1936 in London.

Ähnlich wie William Somerset MAUGHAM war KIPLING ein geborener Geschichtenerzähler. In seinen Plain Tales from the Hills (Schlichte Geschichten aus Indien, 1888) überlieferte er der Nachwelt wunderschöne Geschichten aus dem anglo-indischen Milieu und machte sich einen Namen als Autor von Abenteuergeschichten.


KIPLINGs erster Roman, The Light that Failed (Das fahle Licht), erschien 1890. Der Großteil der Handlung spielt in London, aber Teile sind auch in Indien und im Sudan angesiedelt.

Erzählt wird die traurige Geschichte des Künstlers
Dick Heldar, der nach einem Krieg im Sudan, der ihm eine Augenverletzung einbrachte, in den 1890er Jahren nach England zurückkehrt. Nun widmet er sich wieder der Malerei. Mit seinen realistischen Landschaftsbildern aus dem Sudan kann er aber nicht genug verdienen. Daher malt er auch romantische Porträts, die mehr einbringen.

Da sein Augenlicht immer schwächer wird, beschließt er, sein Meisterwerk, das Gemälde Melancholia, noch zu vollenden, bevor die vollständige Erblindung das Malen unmöglich macht. Als Modell für das Gemälde dient ihm die Prostituierte
Bessie. Als das Gemälde fertig ist, bricht Dick erschöpft zusammen. Bessie zerstört das Gemälde. Als Dick später seine Freundin Maisie einlädt, das Gemälde zu besichtigen, das er nun nicht mehr sehen kann, bringt diese es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass es zerstört wurde.

Aber Bessie kommt zurück und sagt ihm, was sie getan hat. Verzweifelt schließt sich Dick seiner alten Truppe im Sudan wieder an. Als die Truppe in eine Schlacht zieht, überredet er seinen Freund
Torpenhow, ihn auf ein Pferd zu setzen. Er reitet mit der Truppe mit, wird vom Pferd geschossen und stirbt.


Berühmt wurde KIPLING v.a. durch seine zwei Kinderbücher The Jungle Book (Das Dschungelbuch, 1894) und The Second Jungle Book (Das zweite Dschungelbuch, 1895).

Das Dschungelbuch enthält sieben Erzählungen, denen sich jeweils ein kurzes Gedicht anschließt. Die ersten drei Erzählungen schildern die Geschichte von Mowgli, während die übrigen Erzählungen andere Tiere als Hauptdarsteller haben und nicht mit den Mowgli-Erzählungen zusammenhängen, besonders nicht die Geschichte Die weiße Robbe, die in einem ganz anderen Lebensraum spielt.

Die Geschichten Mowgli’s Brothers (Mowglis Brüder), Kaa’s Hunting (Kaas Jagd) und Tiger! Tiger! erzählen von dem Jungen
Mowgli, der als kleines Kind im Wald verloren geht und von einer Wölfin großgezogen wird. Zu dieser Zeit ist der Wolf Akela der Vorsitzende des „Hohen Rates der Tiere“. Das Wolfsrudel und auch andere Tiere akzeptieren ihn, und er nimmt ihre Lebensweise an. Der Tiger Shir Khan und der Schakal Tabaqui sind erbost darüber, dass Mowgli von den anderen Tieren akzeptiert wird. Schlussendlich kaufen der Bär Baloo und der Panther Bagheera den Jungen frei, was dem Tiger derartig missfällt, dass er Akela stürzt und sich selbst zum Vorsitzenden des „Hohen Rates der Tiere“ ernennt. Einige Zeit verbringt Mowgli bei den Menschen, wo er auch seine leibliche Mutter kennenlernt. Als aber die Menschen erfahren, dass er mit den Tieren sprechen kann, halten sie ihn für ein Monster und verjagen ihn aus dem Dorf. Nur seine Mutter hält zu ihm.

Die Tiere – Löwen, Tiger, Elefanten und Affen – werden personalisiert. Die Gerechtigkeit des Dschungels stellt letztendlich die Gerechtigkeit der Menschenwelt in den Schatten.

Das zweite Dschungelbuch enthält acht Geschichten. Fünf erzählen wieder von Mowgli, drei haben anderen Helden. Nur eine davon spielt nicht in Indien.

In dem Roman Captains Courageous. A Story of the Grand Banks (Die mutigen Kapitäne, oder: Brave Seeleute, oder: Über Bord, 1897) verarbeitete der Autor Erlebnisse und Eindrücke aus Amerika
.

Der Held dieser Abenteuergeschichte ist
Harvey Cheyne, ein verzogener und verzärtelter Millionärssohn. Während einer stürmischen Atlantiküberquerung fällt er über Bord und wird vor der Küste von Neufundland von der Mannschaft des Kabeljaufischers We’re Here aus Gloucester gerettet. Die Fischer glauben nicht an den Reichtum seines Vaters und weigern sich, mitten in der einträglichen Fangsaison an die Küste zurückzukehren, um Harvey abzusetzen. So ist er gezwungen, sich mit der Situation abzufinden und auf dem Boot seiner Retter seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Das Buch kann als „Bildungsroman viktorianischer Prägung“ bezeichnet werden: körperliche Abhärtung, Selbstbeherrschung und die Bereitschaft, gehorchen zu lernen und gelegentlich eine Tracht Prügel hinzunehmen waren nach Meinung KIPLINGs und der Verfechter der viktorianischen Tradition die Voraussetzungen, unter denen Knaben zu Männern werden.


Der einst v.a. bei jugendlichen Lesern sehr populäre Abenteuerroman ist ohne jeden Gefühlsüberschwang geschrieben und schildert realistisch und spannend das Leben auf See. Der kraftvolle Stil ist von Robert Louis STEVENSON beeinflusst, wird aber - was Knappheit und Konzentration auf das Wesentliche betrifft - von KIPLING noch übertroffen.

Der Roman Kim (1901) schildert das Leben von
Kimball O’Hara, dem früh verwaisten Sohn eines in Indien verstorbenen irischen Unteroffiziers. Er wächst in den Slums von Lahore auf, schließt Freundschaft mit einem alten tibetanischen Lama und reist mit diesem quer durch Indien, auf der Suche nach dem „Fluss der Unsterblichkeit“. Unterwegs stößt er auf das ehemalige Regiment seines Vaters, von dem er „adoptiert“ wird.
Um ihn zu „zivilisieren“, schicken ihn die Offiziere aufs Lucknow College. Dort wird er zum Landvermesser ausgebildet, womit
Colonel Creighton vom britischen Geheimdienst ihn auf eine zukünftige Spionagetätigkeit vorbereiten will. Kim erwirbt sich schließlich große Verdienste, indem er einen gefährlichen russischen Spion in der Himalaya-Region dingfest macht.

Obwohl es sich - oberflächlich gesehen - um einen Abenteuerroman handelt, ist das zentrale Thema eigentlich die Kluft zwischen der Welt der Gedanken und der Welt der Taten, die nur durch die Liebe überbrückt werden kann. Obwohl KIPLING dieses Buch nicht zu seinen besten zählte, fand es großes Echo bei seinen Lesern.

Für seine Tochter Josephine schrieb KIPLING 1902 die phantasie- und humorvollen Kindergeschichten , die er unter dem Titel Just so Stories (Genau-so-Geschichten) zusammenfasste und in denen er versuchte, die ständigen „warum“-Fragen kleiner Kinder auf heitere Weise zu beantworten. Dazu gehören z.B.: Wie das Elefantenkind seinen Rüssel bekam, Wie der Leopard zu seinen Flecken kam und Wie der erste Brief geschrieben wurde.

Der Erzählband: Puck of Pook‘s Hill (1906) enthält eine Serie von Geschichten, die entweder von dem Elf Puck erzählt werden, oder von Menschen, die Puck auf wunderbare Weise „aus dem Hut“ zaubert.

KIPLING verfasste aber auch Lyrik, mit der er einerseits seinen englischen Landsleuten die indische Gedankenwelt und Lebensweise näherbrachte (z.B. Departmental Ditties, 1886 [ein ditty ist ein Liedchen] und Barrack-Room Ballads, 2 Bände, 1892 und 1896) und andererseits den in Indien lebenden Engländern die Landschaft ihrer fernen Heimat vor Augen stellte (z.B. Sussex, 1902 und The Land, 1910).

Seine Lyrik hatte später großen Einfluss auf Bertolt BRECHT. Eine seiner berühmtesten Balladen ist The Ballad of East and West (1889), die von den Konflikten zwischen den Briten und Eingeborenen in Indien berichtet. Sie ist im Stil einer sog. Border Ballad verfasst.

Das Gedicht The White Man's Burden (Die Bürde des weißen Mannes, 1899) entstand unter dem Eindruck der Eroberung der Philippinen durch die USA. Die Philippinen waren bis zu dieser Zeit eine spanische Kolonien gewesen.

Der Gedichtband Rewards and Fairies (Belohnungen und Feen, 1910) enthält eines von KIPLINGs beliebtesten Gedichten: If….

Den Tod seines Sohnes John thematisierte KIPLING in dem Gedicht My boy Jack. Der Schauspieler David Haig schrieb auf Grundlage dieses Gedichtes 1937 ein Theaterstück diente, welches 2007 die Vorlage für den Film My boy Jack (Regie: Brian Kirk) war, in dem David Haid den Autor verkörperte.
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FRANKREICH

Gustave FLAUBERT (1821-1880) zählt gemeinsam mit STENDHAL und BALZAC zu den großen Realisten der französischen Literatur. Die beiden letzteren  – deutlich älteren Schriftsteller – haben wir schon in der Weltliteratur der Restauration kennen gelernt. Er gilt als Schöpfer des Milieuromans.

FLAUBERT wurde 1821 in Rouen als Sohn eines Arztes geboren. Da die Dienstvilla des Vaters direkt neben dem Krankenhaus lag, erlebte FLAUBERT schon als Kind das tägliche Leiden und Sterben hautnah mit.

1836 verliebte er sich in den Sommerferien in
Élisa Schlesinger, die älter war als er und die jahrelang als unerreichbare Geliebte sein Schreiben inspirierte.

Von 1840 bis 1843 studierte er Jus in
Paris. 1843 erlitt er einen epileptischen Anfall, zog sich nach Croisset bei Rouen, in das Haus seiner verwitweten Mutter, zurück und widmete sich – abgesehen von Reisen nach Italien, Griechenland, Ägypten und Tunesien - ganz der Schriftstellerei.

Ab und zu reiste er nach Paris, um sich mit Schriftstellerkollegen und mit seiner Geliebten, der 10 Jahre älteren Schriftstellerin Louise Colet, zu treffen. Er starb 1880 in Croisset.


Gustave FLAUBERT
(Porträt von Pierre François Eugène Giraud, ca. 1856)
 FLAUBERT schrieb schon seit seiner Jugend unermüdlich, zunächst im Stil der Romantik. Er stellte aber so hohe Ansprüche an sich selbst, dass er seine Manuskripte jahrelang nicht veröffentlichte.

FLAUBERTs oberstes Ziel war eine streng objektive Darstellungsweise ohne jegliche persönliche Anteilnahme. Dies gilt besonders für seinen Ehebruchroman Madame Bovary (1857) und seine Dienstbotengeschichte Un coeur simple (Ein schlichtes Herz, 1877).

Madame Bovary war sein erstes gedrucktes Werk. Er hatte 1851 mit dem Schreiben begonnen, und der Text wurde erstmals 1856 im Feuilleton der Revue de Paris abgedruckt. Der Roman trug ihm einen Prozess wegen Verstoßes gegen die Sitten ein, doch  er hatte einen guten Anwalt, der 1857 einen Freispruch für FLAUBERT erwirkte. Letztendlich wirkte sich der Prozess sogar positiv auf die Verkaufszahlen aus, als das Buch schließlich 1857 auf den Markt kam.

Der Roman ist das Produkt umfangreicher Recherchen. Es ging FLAUBERT um die totale Objektivität des Erzählers. Er stellte genaue Milieu- und Landschaftsstudien in der Normandie an und informierte sich umfassend über die Symptome einer Arsenvergiftung. Die Handlung beruht auf einem Zeitungsbericht aus dem Journal de Rouen von 1848 über den Selbstmord der Arztgattin Delphine Delamare aus Ry bei Rouen.

Emma ist die Tochter eines reichen Bauern. Sie besucht eine Klosterschule und träumt von einem glücklichen Leben. Ihre Ehe mit dem schwerfälligen Landarzt Charles Bovary erfüllt ihre Illusionen nicht, die sie aus der Lektüre von Romanen und Frauenmagazinen bezieht, welche ihr ein Leben in Leidenschaft und Luxus vorgaukeln. Um Abenteuer zu erleben, begeht sie zweimal Ehebruch, ist aber jedes Mal enttäuscht, weil sie wieder von der Trivialität und Enge ihrer realen Verhältnisse eingeholt wird. Hohe Schulden treiben sie schließlich dazu, sich mit Arsen zu vergiften.

Weniger erfolgreich, aber noch bedeutender für die Entwicklung des europäischen Romans war der Roman L'Éducation sentimentale (Die Erziehung des Herzens, 1869).

Der junge
Frédéric Moreau kommt aus der Provinz nach Paris, wo er sich eine große Zukunft in Politik, Literatur und Liebe erhofft. Doch er lässt viele, durchaus reale Chancen ungenutzt vorübergehen zugunsten irrealer, idealer Ziele. Vor allem die schwärmerisch-unerfüllte Liebe zu einer verheirateten Frau zieht ihn jahrelang in ihren Bann. Nachdem auch seine Begeisterung für die politischen Ideale und Ziele der 1848er Revolution
rasch verflogen ist, versinkt er in intellektueller Mittelmäßigkeit und wird nur durch eine erhebliche Erbschaft vor materiellem Niedergang bewahrt.

Der Titel, L'Éducation sentimentale, ist ironisch zu verstehen, denn, anders als z.B. Julien in STENDHALs Le Rouge et le Noir oder Rastignac in BALZACs Le Père Goriot, erfährt Frédéric von der verheirateten Geliebten keine „Erziehung“ seiner jünglingshaft schwärmerischen Gefühle.

Die Erzählung Un coeur simple (Ein schlichtes Herz
) erschient 1877 gemeinsam mit La légende de Saint-Julien l'hospitalier und Hérodias in der Sammlung Trois Contes.

Die Geschichte handelt von dem Dienstmädchen
Felicité. Nachdem ihre große Liebe Théodore eine wohlhabende Frau geheiratet hat, geht sie nach Pont-l'Évèque und wird Dienerin im Haus der Witwe Mme. Aubain. Felicité ist stets loyal. FLAUBERT zeichnet hier den Inbegriff eines selbstlosen Charakters. Was immer das Leben für Felicité bringt, sie ist zufrieden damit. Sie ist imstande, Liebe zu geben, auch wenn sie selbst nicht in gleichem Maß wieder geliebt wird.
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TSCHECHISCHE REPUBLIK

(damals: Österreich-Ungarn)

 


Jan Nepomuk NERUDA (1834-1891) wurde in Prag geboren, wo er auch fast sein gesamtes Leben verbrachte. Obwohl die Eltern arm waren, ermöglichten sie ihrem Sohn ab 1845 den Besuch eines Gymnasiums. Anschließend begann er Sprachwissenschaft, Geschichte und Jus zu studieren, konnte aber aus finanziellen Gründen das Studium nicht abschließen.

Ab 1856 war NERUDA Mitarbeiter des Tagesboten aus Böhmen, einer deutschsprachigen Zeitschrift. Ab 1861 schrieb er für die einflussreiche tschechische Tageszeitung Národní listy (Volksblätter). Viele seiner Feuilletons und Gedichte beschäftigen sich mit der nationalen Wiedergeburt der Tschechen, die sich in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie immer gegenüber den Ungarn benachteiligt fühlten.

In diesem Licht erscheint es grotesk, dass er 1871 beschuldigt wurde, ein Verräter der Nation zu sein. Da verwundert es nicht weiter, dass NERUDA sich von seinen Mitmenschen verkannt fühlte und auch öfter mal zu viel Alkohol konsumierte.

Er verließ 1871 für einige Zeit seine Heimat und bereiste weite Gebiete der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, Deutschland, Frankreich,  Italien, Griechenland und Ägypten. Seine Reiseberichte aus dieser Zeit sind ein interessantes Zeitzeugnis des gesellschaftlichen Lebens dieser Epoche.

Er war nie verheiratet, hat aber mehrere Frauen verehrt, denen er auch einige seiner Gedichte widmete. NERUDA starb 1891 in Prag.


Jan Nepomuk NERUDA
 Der chilenische Dichter Neftali Richard Reyes Basualto (1904–1973), der 1971 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, wählte sein Pseudonym Pablo NERUDA in Anlehnung an den tschechischen Dichter.

Jan NERUDAs Erzählungen über Prag vermitteln auch heute noch einen guten Eindruck über das Leben der damaligen Zeit. Dazu zählen die Bilder aus dem alten Prag (Arabesky, 1864) und die Kleinseitner Geschichten.

Die Kleinseitner Geschichten (Povídky malostranské , 1877) werden als NERUDAs bedeutendstes Werk bezeichnet.

Anhand seiner Erinnerungen zeichnet er hier ein Bild der Prager Kleinseite vor dem Revolutionsjahr 1848. Mit viel Humor beschreibt er das Leben der Prager Kleinbürger.
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RUSSLAND

Beliebtestes Thema des russischen Realismus war das Leben im bäuerlichen Umfeld. Dass dieses auch in Westeuropa im Realismus vielfach aufgegriffene Thema hier besondere Bedeutung erhielt, ist der gesellschaftlichen Situation im Russland des 19. Jh.s zuzuschreiben: erst 1861 wurde die Leibeigenschaft abgeschafft, die bis zu diesem Zeitpunkt das Leben der Bauern bestimmte und besonders schwierig machte. Dass sich Dichter mit dieser Thematik auseinandersetzten und eine kritische Haltung dazu einnahmen, wurde kennzeichnend für den russischen Realismus.

Die Literaturwissenschaft spricht in dieser Zeit vom „goldenen Zeitalter des russischen realistischen Romans“, der großen Einfluss auf die Weltliteratur ausübte. 


Fjodor Michailowitsch DOSTOJEWSKI (1821-1881) beschäftigte sich eingehend mit der Psychologie der menschlichen Seele und den sozialen Missständen in seinem Land.

DOSTOJEWSKI wurde 1821 in Moskau geboren. Er stammte aus einem verarmten Adelsgeschlecht. Sein Vater war Armenarzt. Bis 1838 ging er in Moskau zur Schule. 1837 starb die Mutter, 1839 wurde der Vater ermordet, vermutlich von leibeigenen Bauern auf seinem eigenen Landgut. Von 1838 bis 1841 studierte DOSJOJWSEKI Bauingenieurwesen in Sankt Petersburg, wo er dann zwischen 1843 und 1844 als technischer Zeichner im Kriegsministerium angestellt war. Ab 1844 war er freier Schriftsteller. Schon sein Erstlingswerk, der Roman Arme Leute (1844) machte ihn berühmt.

1849 wurde er wegen Mitgliedschaft in einem revolutionären Zirkel zuerst zum Tod verurteilt und dann nach
Sibirien verbannt, wo er vier Jahre in einem Arbeitslager unter Mördern und Dieben verbrachte und anschließend sechs Jahre in einem sibirischen Regiment diente. Während dieser Haftzeit wurde bei ihm in Omsk zum ersten Mal Epilepsie diagnostiziert. Die Erlebnisse in Sibirien hielt er fest in seinen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1860).


Fjodor Michailowitsch DOSTOJEWSKI
(Porträt von Wassili Grigorjewitsch Perow, 1872)

 

1857 heiratete er die Witwe Maria Dmitrijewna Isajewa und 1859 konnte er nach Sankt Petersburg zurückkehren. Maria starb 1864, die Ehe war kinderlos geblieben. 1867 heiratete DOSTOJEWSKI Anna Grigorjewna Snitkina, mit der er in der Folge vier Kinder bekam. In seinen letzten Lebensjahren war er viel auf Reisen in Europa, oft auch auf der Flucht vor seinen Gläubigern, da er häufig in Kasinos Geld verspielte. Zwischen 1867 und 1871 lebte er in Dresden, Genf und Vevey. Die letzten Jahre seines Lebens, die er wieder in Russland verbrachte, verliefen ruhiger. Er starb 1881 in Sankt Petersburg.

 

DOSTOJEWSKI verfasste durchwegs Romane und Novellen. Da er selbst erfahren hatte, wie nahe Gut und Böse im Menschen oft nebeneinander liegen, war er überzeugt, dass die Armen, Rechtlosen und Erniedrigten Gott näher seien als die Reichen und Glücklichen. So meinte er, dass die Gesellschaft nicht durch eine Revolution, sondern nur durch das Christentum erneuert werden könne. Er gilt als der erste russische Schriftsteller, der den Kleinbürger und sein schwieriges Leben in der Großstadt zum Thema seiner Texte machte.

 

Die Romane Schuld und Sühne (1866), Der Idiot (1868/69) und Die Brüder Karamasow (1880/81) wurden zu einer markanten Erscheinung nicht nur in der russischen, sondern auch in der Weltliteratur. Als die Hauptidee seines realistischen Schaffens betrachtete DOSTOJEWSKI das Streben danach

im Menschen einen Menschen zu finden.

Seine Charaktere befinden sich in Grenzsituationen und werden schweren Prüfungen unterzogen. Nach Ansicht von DOSTOJEWSKI ist der Mensch letzten Endes unter allen Umständen für all seine Taten verantwortlich.

 

Der Roman Schuld und Sühne (1866) erzählt die Geschichte des Studenten Raskolnikow, der eine alte Wäscherin ermordet, weil er überzeugt ist, dass er das Recht hat, einen schlechten Menschen für seine arme Familie und sein Studium zu „opfern“. Aber nach der Tat sieht er ein, dass er unrecht gehandelt hat. Seine Geliebte Sonja macht ihm klar, dass er für sein Verbrechen büßen muss. Er gesteht seine Tat und wird nach Sibirien verbannt. Sonja begleitet ihn auf dem Weg in das sibirische Straflager und wird warten, bis er wieder frei ist.

 

Im Mittelpunkt des Romans Der Spieler (1866), der im fiktiven Ort Roulettenburg spielt, steht eine Gruppe von Menschen, die, kurz vor dem finanziellen Ruin stehend, auf eine große Erbschaft wartet. Der Autor schildert hier präzise die Merkmale der Spielsucht.

 

Sowohl Wiesbaden als auch Bad Homburg nehmen für sich in Anspruch, DOSTOJEWSKI als Vorbild für Roulettenburg gedient zu haben.

 

Der Titelheld des Romans Der Idiot (1868/69), der junge Fürst Myschkin, kehrt von einem jahrelangen Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium zurück. Er ist Epileptiker. Dem Alter nach ist er zwar erwachsen, aber sein Gemüt ist kindlich geblieben. Vieles, was in der russischen Gesellschaft als „idiotisch“ angesehen wird, beruht auf Myschkins Ehrlichkeit und Vertrauensseligkeit. Er ist stets großmütig und bereit zu verzeihen, und er sieht immer nur das Beste in seinen Mitmenschen. Im Zug lernt er Rogoshin kennen, der ihm von seiner Liebe zu Nastassja Filippowna Baraschkowa erzählt, in die sich Myschkin bald darauf ebenfalls verliebt.

 

Myschkin findet eine Unterkunft bei Ganja, der mit seiner entfernten Verwandten Jelisaweta Prokofjewna Jepantschina und deren Familie befreundet ist und Nastassia ebenfalls verehrt. Als die Verlobung von Ganja und Nastassia bekannt gegeben werden soll, wendet sie sich doch wieder Rogoshin zu. Aber sie liebäugelt auch mit Myschkin. Am Ende tötet Rogoshin die wankelmütige Nastassia und holt Myschkin zur Totenwache, der in einen traumatischen Schockzustand verfällt und wieder ins Sanatorium eingewiesen werden muss.

 

Der Roman Die Dämonen (1871/72; 1959 von Albert CAMUS dramatisiert unter dem Titel Die Besessenen; 1998 in einer neuen Übersetzung unter dem Titel Böse Geister erschienen) zeichnet das Bild einer nihilistischen Schreckensherrschaft in Russland.

 

Die Ebene der „Söhne“ wird repräsentiert von Nikolai Stawrogin und dem Anarchisten Pjotr Werchowenski, der den Studenten Schatow nur ermordet, um seiner verschwörerischen Tätigkeit einen Inhalt zu geben. Die Ebene der „Väter“ ist repräsentiert durch Stepan Werchowenski, Pjotrs Vater und Nikolais Erzieher. Das Fest, in dem der Roman gipfelt, ein Wohltätigkeitsball in einer russischen Provinzstadt, der in Skandal, Mord und Feuersbrunst mündet, wird gewissenhaft vorbereitet.

 

DOSTOJEWSKI konnte natürlich nicht wissen, mit welcher Grausamkeit das kommunistische Regime der Sowjetunion (1917-1991) die Menschen einmal unterdrücken würde. Aber möglicherweise hat er vorausgeahnt, was eine gottlose Diktatur anrichten kann, weil er mit der Mentalität seiner Landsleute entsprechend vertraut war.

 

Der Roman Die Brüder Karamasow (1880/81) erzählt die Geschichte dreier Brüder, die als Erwachsene in ihr Elternhaus zurückkehren. Dem Vater, einem alternden Lüstling, können sie nur Verachtung entgegenbringen. Alle drei wünschen seinen Tod.

 

Als er eines Tages ermordet aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf den ältesten Sohn Dimitri, der so wie der Vater in die schöne Gruschenka verliebt ist. Alles spricht gegen ihn, und er wird zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt.

 

Der Mörder ist aber der uneheliche Sohn des alten Karamasow, der Epileptiker Smerdjakow, der den Grundsatz des zweiten Bruders, Iwan - „alles ist erlaubt“ -  aus Langeweile in die Tat umgesetzt hat. Alle drei Brüder nehmen letztendlich ihre reale Mitschuld an der Tat auf sich und sind so auch zur Sühne bereit. 

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Der zweite große Epiker dieser Epoche in Russland war Leo Nikolajewitsch Graf TOLSTOI (1828-1910). Auch er suchte das Gute im Menschen und baute auf das Christentum. Stärker als DOSTOJEWSKI beobachtete TOLSTOI mit scharfer Kritik die menschlichen Verhaltensweisen und gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit.

TOLSTOI wurde 1828 auf dem Landgut Jasnaja Poljana bei Tula geboren. Der
Vater war ein Graf und reicher Grundbesitzer. Schon im Alter von 9 Jahren war TOLSTOI Vollwaise. Von da an übernahm seine ältere Schwester die Vormundschaft.

1844 begann er an der Universität Kasan orientalische Sprachen zu studieren. Er wechselte zu Jus, brach aber 1847 seine Studien ab, um mit Landreformen die Situation der 350 Leibeigenen auf dem Gut
Jasnaja Poljana zu verbessern. Die Erfahrungen aus dieser Tätigkeit verarbeitete er in dem Text Der Morgen eines Gutsbesitzers (1852).

1851 erlebte er als Fähnrich in der Armee des Zaren den Krieg im Kaukasus mit. Die Erfahrungen dieser Zeit schlugen sich nieder in seinen frühen Kaukasus-Erzählungen (Der Überfall, 1852; Der Holzschlag, 1855 und Die Kosaken, 1863). Nach Ausbruch des Krimkrieges erlebte er 1854 die Belagerung von Sewastopol. Die realistischen Berichte aus dieser Zeit (Sewastopoler Erzählungen, 1855/56) machten ihn als Schriftsteller bekannt.

Leo Nikolajewitsch TOLSTOI
(Gemälde von Ivan Nikolaevich Kramskoi, 1873)
 Ab 1855 lebte er abwechselnd auf dem Gut Jasnaja Poljana, in Moskau und in Sankt Petersburg.

Aus pädagogischem Interesse bereiste er 1857 und 1860/61 mehrere europäische Länder und errichtete anschließend, nach dem Vorbild von Jean-Jacques ROUSSEAU auf einem Gutsbesitz Dorfschulen, um den Kindern wenigstens ein Mindestmaß an Bildung zu ermöglichen. Bis in die 1920er Jahre wurden Kinder in russischen Schulen nach seinem Buch Das neue Alphabet unterrichtet.

1862 heiratete TOLSTOI die 18-jährige deutschstämmige Sofja Andrejewna Behrs, mit der er 13 Kinder bekam. In den folgenden Jahren entstanden die großen Romane Krieg und Frieden (1868/69) und Anna Karenina (1877/78), die ihn auf der ganzen Welt bekannt machten.

Ab 1882 änderte er sein Leben ziemlich radikal, um seine Grundsätze zu verwirklichen. Er hatte bei der Volkszählung in Moskau ein Elend unter den Arbeitern gesehen, welches jenes der Landbevölkerung noch übertraf. Von da an verzichtete er auf Vergnügungen wie Rauchen, Alkohol und den Genuss von Fleisch und setzte sich für politisch und religiös Verfolgte einsetzte. Er wandte sich der Religion zu, lehnte aber die Aufrufe der Kirche, „für Gott und Vaterland“ in den Krieg zu ziehen, ab. Sogar von den Evangelien erstellte er eine neue russische Übersetzung.

All diese Aktivitäten verschafften ihm hohes Ansehen im Ausland – und polizeiliche Überwachung im Inland. Die Texte Meine Beichte (1882) sowie Worin mein Glaube besteht
(1883) wurden in Russland sofort nach Erscheinen verboten.

Die Veröffentlichung des Romans Auferstehung (1899) führte dazu, dass ihn der Heilige Synod 1901 aus der Kirche ausschloss.

Die Frage nach beständigen moralischen Werten führte ihn zu bedingungsloser Nächstenliebe und radikaler Gewaltlosigkeit. Sozialistische Bestrebungen im Sinne einer Diktatur des Proletariats lehnte er ab, obwohl er vielfach als Wegbereiter er Revolution von 1805 angesehen wird.

1908 wurden bei einer Hausdurchsuchung sämtliche vorhandenen Texte von den Behörden beschlagnahmt. Auch familiäre Konflikte blieben nicht aus. Da seine Frau nicht damit einverstanden war, dass TOLSTOI sein literarisches Werk „dem Volk“ vermachen wollte, kam es zu einem Streit, in dessen Folge der Dichter gemeinsam mit seiner jüngsten Tochter und seinem Arzt die Familie verließ und zu einer Reise in den Süden Russlands aufbrach. Im offenen Zug erkrankte er an einer Lungenentzündung und starb 1910 im Bahnwärterhäuschen von
Astapowo, ca. 20km östlich von Dankow. Diese Geschichte wurde verfilmt unter dem Titel The Last Station (Ein russischer Sommer, 2009).

Sein bedeutendster Roman,
Krieg und Frieden (1868/69), schildert die Ereignisse von der Zeit des Krieges gegen Napoleon bis ca. 1820.

Zahlreiche persönliche Schicksale sind in das politische Geschehen eingeflochten, und die beiden Hauptfiguren kommen zu der Erkenntnis, dass ihnen nur ein Leben mit den Menschen und für die Menschen Glück und Zufriedenheit bringen kann. Im Zentrum stehen der
Fürst Andrej Nikolajewitsch Bolkónski und Pierre, der spätere Graf Peter Besúchow.

Der Roman Anna Karenina (1877/78) ist eine tragische Ehebruchsgeschichte aus der St. Petersburger Gesellschaft.

Als
Anna - ähnlich wie Theodor FONTANEs Effi Briest - von Mann und Kind getrennt, in ihrem Leben keinen Sinn mehr sieht, wirft sie sich vor einen Zug.

Der Roman Auferstehung (1899) thematisiert die Läuterung der handelnden Personen durch moralisches Handeln.

Ein
adeliger Gutsherr, erkennt bei Gericht in einer angeklagten Prostituierten ein Mädchen, das er in einer Osternacht, dem Fest der Auferstehung Christi, verführt hat. Er fühlt sich mitschuldig an ihrem Schicksal und bemüht sich um eine Revision des Urteils. Er erfährt die ganze Unvollkommenheit des damaligen Rechtssystems und folgt ihr schließlich in Zwangsarbeit und Verbannung. Eine Ehe mit ihm schlägt sie aus, obwohl oder eher weil sie ihn liebt. Sie hat vor, einen anderen Häftling zu heiraten.
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Der dritte bedeutende russische Schriftsteller des Realismus, der deutlich später geborene Arzt Anton Pawlowitsch TSCHECHOW (1860-1904), schrieb in jungen Jahren heitere Novellen (meist für Zeitungen und Zeitschriften, um ein bisschen Geld zu verdienen), war aber später hauptsächlich Dramatiker.

TSCHECHOW wurde 1860 in südrussischen Stadt Taganrog am Asowschen Meer als Sohn eines Kaufmanns geboren. Der Vater war kein besonders guter Geschäftsmann, auch die Wirtschaftslage war schlecht. TSCHECHOW und seine Geschwister mussten schon früh im Laden mitarbeiten. Der Vater war streng religiös und begeisterte sich für Musik. Daher mussten die Kinder im Kirchenchor singen.

Ab 1869 besuchte TSCHECHOW das Gymnasium in Taganrog. Schon in dieser Zeit entdeckte er seine Liebe zur Literatur und zur Schauspielerei. 1876 machte der Vater Bankrott. Da in diesem Fall zur damaligen Zeit die Inhaftierung drohte, floh er 1879 nach
Moskau. TSCHECHOWs Mutter folgte ihm bald mit den jüngeren Geschwistern. TSCHECHOW mietete in seinem ehemaligen Elternhaus ein Zimmer und besuchte weiter das Gymnasium.

Nach der Matura begann er 1879 in Moskau an der Lomonossow-Universität Medizin zu studieren. Er schloss das Studium 1884 ab, übte er den Beruf aber fast immer nur ehrenamtlich aus. Die meisten Patienten konnten für eine medizinische Behandlung nicht angemessen zahlen, und so brachte die Schriftstellerei TSCHECHOW deutlich mehr Einkommen. Andererseits war aber seine Tätigkeit als Arzt eine reiche Quelle an Ideen für literarische Werke.

Anton Pawlowitsch TSCHECHOW
(Aquarell von Valentin Alexandrowitsch Serow, 1902)
 Durch das Jus-Studium des jüngeren Bruders Michail erfuhr TSCHECHOW über Zwangsarbeit und Strafkolonien. Sein Interesse wurde so groß, dass er 1889 beschloss, auf die Insel Sachalin zu reisen, um später authentisch über die Situation der Gefangenen dort berichten zu können (Aus Sibirien, 1890 und Die Insel Sachalin, 1893). In der ersten Hälfte des Jahres 1890 bereitete er sich intensiv auf die Reise vor, die er schließlich Ende April 1890 antrat. Allein die Anreise dauerte drei Monate. Von Juli bis Oktober 1890 hielt sich TSCHECHOW schließlich auf Sachalin auf und behandelte dort viele Kranke. Die Rückreise per Schiff dauerte wieder ca. 6 Wochen, und gegen Ende des Jahre 1890 kehrte TSCHECHOW nach Moskau zurück. TSCHECHOWs Kritik an den Zuständen in der Strafkolonie führte später dazu, dass die Regierung zumindest eine Untersuchungskommission dorthin schickte.

Nach seiner Rückkehr aus Sachalin bereiste TSCHECHOW mehrere westeuropäische Staaten. Die schon 1884 erstmals ausgebrochene Tuberkulose-Erkrankung verschlechterte sich. Trotzdem engagierte es sich weiterhin für die Armen. Es hatte 1890/91 zahlreiche Missernten in Russland gegeben, und TSCHECHOW half den verarmten Bauern rund um Nischni-Nowgorod und im Gouvernement Woronesch
.

Um in Ruhe literarisch arbeiten zu können, erwarb TSCHECHOW 1892 das verwahrloste Landgut Melichowo, ca. 70km südlich von Moskau. Auch dort behandelte er die Bauern wieder kostenlos, und er engagierte sich in der Verbesserung der sanitären Maßnahmen, mit dem Ziel eine Cholera-Epidemie zu verhindern.

Im Frühjahr 1897 machte TSCHECHOW seine Tuberkulose-Erkrankung so zu schaffen, dass er im Spital behandelt werden musste. Auf Rat der Ärzte reiste er zu Erholung an die französische Riviera. 1898 kaufte er ein Grundstück in Jalta auf der Halbinsel Krim in Süd-Russland, wo er sich ein Haus bauen ließ, welches er 1899 beziehen konnte. Obwohl TSCHECHOW auch dort Freunde fand und u.a. den Schriftsteller Maxim GORKI kennenlernte, beklagte er sich wiederholt über die provinzielle Atmosphäre. 1901 heiratete TSCHECHOW die Schauspielerin Olga Knipper, die wegen ihrer beruflichen Tätigkeit oft in Moskau war. Mehrere Kuraufenthalte im In- und Ausland brachten kaum Abhilfe. Auf der Krim entstanden die beiden letzten großen Theaterstücke: Drei Schwestern (1900) und Der Kirschgarten (1903).

Anfang Juni 1904 reiste TSCHECHOW nach Deutschland. Nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin fuhren er in den Kurort Badenweiler im Schwarzwald, wo er im Juli 1904 starb. Er wurde mit der Eisenbahn überführt und in
Moskau begraben.

Schon in seiner Gymnasialzeit begann TSCHECHOW zu schreiben. Von diesen Schriften ist nur sehr wenig erhalten. Seine erste Komödie, die er 1878 verfasste, sollte den Titel Vaterlos tragen. Das Stück war kein Erfolg und galt lange als verschollen. 1920 wurde das Manuskript wieder entdeckt und 1923 erstmals unter dem Titel Platonow veröffentlicht.

Platonow spielt in einem heruntergekommenen Landhaus in der russischen Provinz. Sowohl die Gutsbesitzerin
Anna Petrovna als auch Sofja, die Frau ihres Stiefsohns, und eine seiner Kolleginnen verlieben sich in den verheiratete Lehrer Platonow. Er selbst ist ein Zyniker, der sich in Gesellschaft gerne als geistreicher Unterhalter gibt. Er ist der einzige, der sich der Ideen- und Prinzipienlosigkeit der Gesellschaft bewusst ist und der erkennt, dass auch er Teil dieser Gesellschaft ist. Die Liebe der vier Frauen überfordert ihn und der einzige Ausweg, den er sieht, ist die Flucht in den Alkohol. Sofja, die erkennt, dass er ihr kein neues Leben bieten kann, erschießt ihn schließlich.

1880 konnte TSCHECHOW erstmals Erfolg erzielen, u. zw. mit Kurzgeschichten, die er in mehreren Zeitschriften – oft unter Pseudonymen - veröffentlichte. Sowohl seine beengten Wohnverhältnisse als auch die staatliche Zensur, welche nach dem Attentat auf Zar Alexander II. (1881) noch verschärft wurde, machten ihm das Schreiben nicht unbedingt leicht. Zu den bekanntesten Satiren aus dieser Zeit zählen Der Tod des Beamten, Die Tochter Albions, Der Dicke und der Dünne (alle 1883) und Ein Chamäleon (1884).

Seine erste Erzählsammlung, Schelmerei, entstand 1882, wurde aber von der Zensur abgelehnt und gilt seither als verschollen. Der Erzählband Märchen der Melpomene (1884) war das erste Buch, welches gedruckt wurde.

Erst Mitte der 1880er Jahre legte TSCHECHOW endgültig die häufig verwendeten Pseudonyme ab und veröffentlichte, auf Anraten des Verlegers Alexei Sergejewitsch Suworin und des Schriftstellers Dmitri Wassiljewitsch Grigorowitsch, von da an seine Texte unter seinem eigenen Namen.

Zwischen 1885 und 1887 entstand eine ganze Reihe von Erzählungen, nicht nur humorvolle, sondern auch dramatische, die die sozialen Probleme der damaligen Zeit in Russland thematisierten. Die Landschaftsschilderungen erinnern vielfach an die Umgebung des Landgutes Babkino (in der Nähe von Woskressensk), wo TSCHECHOW in diesen Jahren die Sommermonate verbrachte. Dazu gehören: Die Aalraupe, Der Jäger (beide 1885), Die Hexe, Anjuta, Die Seelenmesse, Schwere Naturen (alle 1886) und Wolodja und Typhus (beide 1887.

In der kurzen Erzählung Glück (1887) und in der Novelle Die Steppe (1888) schildert TSCHECHOW die Landschaft seiner südrussischen Heimatregion.

Die Erfahrungen in der Behandlung zahlreicher Kranker rund um das Gut Melichowo und die Bestrebungen, dort eine Cholera-Epidemie zu verhindern, fanden Eingang in die Novelle Krankenzimmer Nr. 6 (1892).

Gegen Ende der 1880 Jahre wandte sich TSCHECHOW dem Theater zu. Obwohl viele seiner Theaterstücke von ihm als Komödien bezeichnet wurden, kann ihnen der Mitteleuropäer oft wenig Heiteres abgewinnen: ihre Leitmotive sind die Melancholie, die innere Verlassenheit und die Gleichgültigkeit der Menschen, die einander oft nicht verstehen.

Das erste große Bühnenstück, welches zur Aufführung gelangte, war Iwanow (1887). Kurz darauf entstanden die Einakter Der Bär und Der Heiratsantrag (beide 1888).

Anfangs bezeichnete TSCHECHOW Iwanow als „Komödie“, in einer überarbeiteten Fassung von 1889 nannte er es dann „Drama“.

Der 35jährige Gutsbesitzer
Nikolai Alexejewitsch Iwanow ist ein „überflüssiger Mensch“. Er ist hoch verschuldet und hat kein Geld, seine Frau Anna Petrowna, die an Tuberkulose erkrankt ist, angemessen behandeln zu lassen. Statt sich um seine Frau zu kümmern, die Jüdin war und seinetwegen zum Christentum übertrat, verbringt er seine Zeit mit der Familie Lebedew, der das benachbarte Gut gehört. Iwanow flirtet mit Sascha Lebedew, der er gesteht, dass er seine Frau nicht mehr liebt. Er teilt seiner Frau, die ihn wegen dieser Affäre zur Rede stellt, schließlich mit, wie krank sie ist. Sie wusste das bis dahin noch gar nicht.

Bald nachdem Anna gestorben ist, will Iwanow Sascha heiraten. Sein Freund, der Arzt
Lwow rügt ihn, weil er seine Frau Anna in ihren letzten Lebensmonaten schlecht behandelt hat. Schließlich ist Iwanow über sich selbst entsetzt und nimmt sich das Leben.

Die bekanntesten Dramen sind Die Möwe (1895), Onkel Wanja (1896), Drei Schwestern (1901) und Der Kirschgarten (1904).

Wenn TSCHECHOW Die Möwe als Komödie bezeichnet, muss man sich fragen, was er unter einer „Komödie“ versteht. Man kann den Begriff „Komödie“ hier nur im Sinn des von BALZAC geprägten Begriffs der Comédie Humaine interpretieren.


Schließlich ist der Held des Dramas, der
Konstantin Gavrilovič Treplev, der Schriftsteller werden will und auf seinem Landgut mit Freunden sein Erstlingswerk „Die Möwe“ aufführt, ein unglücklicher Mensch, der von seiner Geliebten verlassen wird. Obwohl sie Jahre später kurz zu ihm zurückkehrt, macht sie klar, dass sie sich auch jetzt ein gemeinsames Leben nicht vorstellen kann. Treplev erschießt sich daraufhin.

Iwán Petrówitsch Wojnízkij wird von seiner Nichte
Sonja liebevoll Onkel Wanja genannt. Er verwaltet ein Landgut, welches seiner Schwester gehört hat, die schon lange verstorben ist. Der Witwer, Professor Serebrjaków, hat wieder geheiratet. Als die Erträge des Gutes nicht ausreichen, um ihm und seiner schönen Frau Jeléna das kostspielige Stadtleben zu finanzieren, kommen beide auf das Landgut.

Wanja hat Serebrjaków längst durchschaut: er tut so, als ob er weiß Gott wie viel von Kunst verstehen würde, ist aber im Grunde genommen nur ein nichtsnutziger, schmarotzender Scharlatan. Sonja ist verliebt in den Landarzt
Ástrow, der sich seinerseits hoffnungslos in Jeléna verliebt, die aber nicht den Mut hat, sich von Serebrjaków zu trennen.

Als Serebrjaków verkündet, er werde das Gut verkaufen, um mit dem Erlös das luxuriöse Stadtleben für sich und seine Frau zu finanzieren, packt Wanja die Wut: er schießt zweimal auf ihn, verfehlt ihn aber Serebrjaków reist ab, auch Ástrow verlässt das Gut. Wanja und Sonja stürzen sich wieder in die Arbeit. Eigentlich hat sich nichts verändert.

Die Drei Schwestern heißen Olga, Mascha und
Irina Prosorow. Sie stammen aus Moskau, leben aber in der Provinz und sehnen sich danach, in die Großstadt zurückzukehren. Ihr Vater war Brigadegeneral in der Kleinstadt, ihr Bruder Andrej hat Natalja Iwanovna geheiratet und das Erbe des Vaters am Spieltisch durchgebracht.

Olga ist Lehrerin und die einzige der drei Schwestern, die ein eigenes Einkommen hat. Ihr Beruf macht sie aber nicht glücklich, und sie hat die Hoffnung auf Ehe und Familie schon aufgegeben.

Mascha ist elegant und kapriziös. Sie träumt von der großen Liebe. Sie ist mit Fjodor Iljich Kulygin verheiratet, den sie vor Jahren für klug hielt, der ihr jetzt aber nur mehr als Dummkopf erscheint und auf die Nerven geht. Sie lässt sich auf eine Affäre mit Oberstleutnant Werschinin ein, die ein abruptes Ende findet, als das Offizierskorps die Stadt verlässt.


Irina träumt davon, in Moskau ihre große Liebe zu finden. Sie hat zwei Verehrer: den jungen Baron Tusenbach und Kapitän Soljony. Sie nimmt Tusenbachs Heiratsantrag an. Doch Soljony erschießt ihn einen Tag vor der Hochzeit in einem Duell. Am Ende gibt sich Olga Mühe, ihre Schwestern zu trösten.

TSCHECHOW bezeichnete den Kirschgarten als „tragische gesellschaftskritische Komödie“. Der Kirschgarten, der keine Ernte mehr abwirft, symbolisiert den russischen Adel, der der russischen Gesellschaft keinerlei Nutzen mehr bringt. Er hat nur noch dekorative Funktion, steht für das Schöne – aber leider Nutzlose. Am Ende wird er abgeholzt.

Anja, die Tochter der Gutsbesitzerin
Ranjewskaja, hat ihrer Mutter, die vor Jahren nach Paris gezogen ist, geschrieben, sie möge bitte auf das hoch verschuldete Anwesen zurückkommen. Die Mutter hatte das Gut verlassen, nachdem Anjas Bruder ertrunken war. Gajew, der Bruder der Ranjewskaja hat schlecht gewirtschaftet. Eine Versteigerung des Landgutes könnte der Familie wieder etwas Geld einbringen.

Der ehemalige Leibeigene der Familie, der Kaufmann
Lopachin, schlägt eine andere Lösung vor: man könnte den Kirschgarten abholzen, auf dem Grundstück Ferienhäuser bauen und diese an Sommergäster vermieten.

Warja, die Pflegetochter der Gutbesitzerin, könnte Lopachin heiraten. Diese Ehe würde ebenfalls die angespannte finanzielle Situation entlasten. Aber dazu kommt es nicht. Anja verliebt sich in den ewigen Studenten Trofimov, der ihren Bruder unterrichtete. Am Ende verlassen alle das Haus. Die Ranjewskaja geht zurück nach Paris. Nur der alte Diener Firs, der die Leibeigenschaft symbolisiert, bleibt allein zurück.
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USA


Die Abenteuerromane von Mark TWAIN (d.i. Samuel Langhorne CLEMENS; 1835-1910) stellen eigentlich einen neuen Typ von Entwicklungsroman dar, der sich scharf mit der Heuchelei und der Verlogenheit der Gesellschaft auseinandersetzt.

Samuel Langhorne CLEMENS
wurde 1835 in in Florida (Missouri) geboren. 1839 übersiedelte die Familie nach Hannibal (Missouri). Der Vater, ein erfolgloser Kaufmann und Rechtsanwalt, starb bereits 1846. Samuel begann eine Lehre bei einem Buchdrucker und fing bald an, selbst Zeitungsartikel zu schreiben. Mit 18 Jahren nahm er ein unstetes Wanderleben auf und arbeitete in vielen Städten zwischen St. Louis und New York City.

Ab 1857 erlernte er den Beruf eines Lotsen auf dem Mississippi. Diese glücklichsten Jahre seines Lebens beschrieb er später in dem autobiographischen Bericht Life on the Mississippi (Leben auf dem Mississippi, 1883). In dieser Zeit nahm der auch den aus der Lotsensprache entliehenen Künstlernamen Mark TWAIN an.

In demselben Ausmaß, in dem die Eisenbahn an Bedeutung gewann, verlor die Fluss-Schiffahrt an Einfluss. 1861 ging Mark TWAIN nach Nevada und versuchte sein Glück im Bergbau und im Journalismus. 1865 wurde er Zeitungskorrespondent in Hawaii, 1867 reiste er nach Europa und in den Nahen Osten. Aufgrund dieser Erlebnisse entstand der Reisebericht The Innocents Abroad (Die Arglosen im Ausland, 1869).


Mark TWAIN

(Gemälde von J. Carroll Beckwith, 1890)

 Schließlich heiratete er Olivia Langdon, die Tochter eines reichen Kohlenhändlers, übersiedelte nach Hartford (Connecticut) und schrieb seine berühmtesten Romane, The Adventures of Tom Sawyer (Die Abenteuer des Tom Sawyer, 1876) und The Adventures of Huckleberyy Finn (Huckleberry Finns Abenteuer, 1885), die für ihn auch ein großer finanzieller Erfolg waren.

1894 wurde Mark TWAIN seine Beteiligung an der Druckerei und dem Verlagshaus Charles L. Webster & Co zum finanziellen Verhängnis. Deren Investition in eine fehlerhafte Setzmaschine trieb auch ihn in den Bankrott. Um seine Finanzen zu ordnen, begann er eine weltweite Tournee mit Lesungen seiner Werke. Er starb 1910 in seinem Haus in Redding (Connecticut).

Tom Sawyer lebt in dem Städtchen St. Petersburg am Mississippi. Da seine Eltern früh verstorben sind, lebt er mit seinem braven Bruder Sid bei seiner Tante Polly. Tom rebelliert gegen seine Umwelt, ohne dabei etwas wirklich Böses zu beabsichtigen: er schwänzt die Schule, schwimmt, fischt und spielt mit seinem Freund Huckleberry Finn, dessen Vater ein Säufer ist und oft wochenlang überhaupt verschwindet. Wann immer sich die Gelegenheit zu einem Streich bietet, macht Tom mit. Als er eines Tages mit Huck Finn in der Nacht auf den Friedhof geht, beobachten die beiden Buben, wie der Mischling Indianer Joe den Stadtarzt Dr. Robinson tötet, dann aber dem betrunkenen Muff Potter die Mordwaffe in die Hand schiebt. Erst beim Prozess hat Tom den Mut zu sagen, was er gesehen hat, und kann so Muff Potter vor dem Galgen bewahren.

Als Tom bald darauf mit Becky Thatcher, der Tochter des Richters, in eine Höhle geht, treffen sie dort auf Indianer Joe, können ihm aber entkommen. Der Mischling wird einige Zeit später verhungert in der Höhle aufgefunden.

Huckleberry Finn wird nach dem Tod von Indianer Joe von der Witwe Douglas aufgenommen. Aber schon nach drei Monaten hält er das geordnete Leben nicht mehr aus und läuft weg. Auf einer kleinen Insel im Mississippi trifft er den Negersklaven Jim, der ebenfalls der Witwe Douglas davongelaufen ist. Gemeinsam fahren sie auf einem Floß den Mississippi hinunter und erleben zahlreiche Abenteuer. Schließlich treffen sie wieder mit Tom Sawyer zusammen, und die Witwe Douglas schenkt Jim die Freiheit.

Die Erzählung The Prince and the Pauper (Der Prinz und der Bettelknabe, 1884) spielt in London im 16. Jh. Prinz Edward und Tom Canty sind gleich alt und sehen einander sehr ähnlich. Eines Tages tauschen sie zum Spaß die Kleider. Kaum ist das geschehen, wird der Prinz aus dem Palast verjagt, und während ihm das Leben mit der Familie Canty sehr schwer fällt, genießt Tom das Leben im Palast und vergisst beinahe auf den Prinzen. Als er schließlich zum König gekrönt werden soll, gesteht er ein, dass er nicht Prinz Edward ist, und der echte Prinz nimmt wieder seinen Platz ein.

The Million Pound Note (Die Eine-Million-Pfund-Note, 1893) ist die Geschichte einer Wette. Zwei ältere Herren, die Brüder sind, sind sich nicht einig. Einer meint, dass jemand, der nur mit einer Million-Pfund-Note bezahlen kann, überall Kredit haben wird. Der andere widerspricht ihm. Sie geben die Banknote einem armen Amerikaner und versprechen ihm einen gutbezahlten Posten, wenn es ihm gelingt, ein Monat lang mit der Million-Pfund-Note zu leben, ohne sie auszugeben. Als dieser sich schließlich noch in die Tochter eines der beiden Herren verliebt, ist die Welt für ihn vollkommen in Ordnung.
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