ÖSTERREICHISCHE KLASSIK und WIENER VOLKSSTÜCK

(1815-1870)

Während Franz GRILLPARZER Theaterstücke im Stil der Weimarer Klassik verfasste, die am Wiener Burgtheater aufgeführt wurden, wandten sich viele seiner Zeitgenossen, wie v.a. Johann NESTROY und Ferdinand RAIMUND, dem volkstümlichen Theater. Ihre Spielstätten waren die Vorstadttheater (Kärntnertortheater, Theater an der Wien, Theater in der Josefstadt, Leopoldstädter Theater etc.). 

Der bedeutendste epische Erzähler dieser Zeit ist Adalbert STIFTER, und die schönste Lyrik des österreichischen Biedermeier schrieb Nikolaus LENAU 





KLASSISCHES THEATER

Franz GRILLPARZER (1791-1872) war der Sohn eines Advokaten, studierte Jus und nach trat dem Studium in den Staatsdienst ein. Sein Vater, ein verschlossener, strenger Mann, starb früh. Die Mutter hatte ein phantasievolles Gemüt und neigte zur Schwermut. Ihr jüngster Sohn stürzte sich in die Donau. Sie selber nahm sich in religiösem Wahn das Leben.

Nach
anfänglichen Erfolgen geriet der Dichter mit der Zensur des Hofes in Konflikt. Misserfolge bei der Aufführung seiner späteren Dramen kamen dazu und drängten den mimosenhaft Verletzlichen in eine halb beklagte, halb erwünschte Einsamkeit. Die Karriere hintanstellend, begnügte er sich mit der Anstellung als Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, die ihm Zeit und Freiheit für seine literarische Arbeit ließ.

Auch in der Liebe war er nicht fähig, sich endgültig zu binden, und so blieb
Katharina Fröhlich seine ewige Braut. Eine Reise nach Deutschland führte ihn nach Weimar und brachte ihm die lang ersehnte Begegnung mit GOETHE. Einer neuerlichen Einladung in sein Haus aber wich er durch vorzeitige Abreise aus.

Franz GRILLPARZER
 

Er blieb, anspruchsvoll und gleichzeitig sich selber tief misstrauend, stets besorgt, seine innere Freiheit zu verlieren oder zu gefährden. Diese innere Gespaltenheit trug dazu bei, ihn verbittert und einsam werden zu lassen. 1848 fasste er, enttäuscht über das wankelmütige Publikum, den Entschluss, seine Arbeiten nicht mehr zu veröffentlichen, sondern sie im Schreibtisch zu verschließen. So geriet er nahezu in Vergessenheit. Erst nach den Revolutionsjahren, um die Jahrhundertmitte, erinnerte man sich wieder an ihn. Seine Stücke wurden erneut und mit Erfolg aufgeführt, und die Ehrungen gipfelten in einer großen Feier aus Anlass seines 80. Geburtstages. Aber seine einzige Antwort war:
Zu spät, viel zu spät.

Er starb 1872 in Wien.

 

Seinen ersten großen Erfolg hatte GRILLPARZER mit dem Schicksalsdrama Die Ahnfrau (1816/17).

 

Das Stück stellt die Fluchbeladenheit eines ganzen Grafengeschlechts auf die Bühne. Der Dichter erörtert hier die erbliche Belastung, die er an sich selbst ebenfalls festzustellen glaubte.

 

Obwohl die Ahnfrau sehr erfolgreich auf zahlreichen deutschsprachigen Bühnen aufgeführt wurde, wandte sich GRILLPARZER mit dem Blankversdrama Sappho (1818) der Antike zu.

 

Die Tragödie spielt auf der Insel Lesbos. Die antike Lyrikerin Sappho verliebt sich als alternde Frau in den Jüngling Phaon. Als dieser seine Neigung der wesentlich jüngeren Sklavin Melitta zuwendet, versucht die Dichterin zuerst sogar mit Gewalt, diese Liebesbeziehung zu verhindern. Schließlich sieht sie aber doch ein, dass ihr Verhalten unwürdig war. Sie segnet das junge Paar und stürzt sich aus Reue und Scham über ihre Selbsterniedrigung ins Meer.

 

Die drei zu einer Trilogie zusammengefassten Dramen Das Goldene Vlies (1818-1821) bestehen aus

=> Der Gastfreund. Trauerspiel in einem Aufzug

=> Die Argonauten. Trauerspiel in vier Aufzügen

=> Medea. Trauerspiel in fünf Aufzügen

und entnehmen ihren Stoff ebenfalls der griechischen Mythologie.

 

Der Gastfreund bringt das Vorspiel. Dem verfolgten Phryxus ist im delphischen Tempel ein Gott erschienen, der ihm mit den Worten

Nimm Sieg und Rache

das goldene Vlies von seiner Schulter gereicht hat. Phryxus bringt es nach Kolchis, findet dort im Bild des Kolchergottes Peronto das Bildnis seines delphischen Beschützers wieder und weiht ihm das Kleinod. Aber der habsüchtige König Aietes erschlägt den Gastfreund um des Vlieses willen.

 

In den Argonauten erfolgt die Steigerung. Wir sehen, wie Jason nach Kolchis kommt, um Phryxus zu rächen und um das goldene Vlies zurückzugewinnen. Er trifft Medea zusammen und wirbt um sie, die ihn zunächst zurückweist, weil sie Unheil für sich, ihr Haus und ihr Volk voraussieht. Aber vor Jasons stürmischer Leidenschaft beugt sich ihr Wille endlich doch. Sie verhilft ihm zur Gewinnung des Vlieses und verlässt mit ihm Kolchis, belastet mit der Schuld des Verrates an Vater und Bruder, die beide bei der Verfolgung der Flüchtenden den Tod fanden.

 

Medea bringt die eigentliche Katastrophe. Jason ist mit Medea, die ihm zwei Knaben geboren hat, nach langer Irrfahrt in Griechenland gelandet. Er lebt bei seinem Onkel Pelias, dem König von Iolkos. Unter den Barbaren die Schönste, erscheint Medea ihm in Griechenland plump und düster. Sein Herz wendet sich bald von ihr ab, die ihm zuliebe Heimat und Verwandte verlassen hat und in der Fremde nur ihn hat.

 

Das Volk hält sie jedes Frevels für fähig und bezeichnet sie fälschlich als Mörderin des Königs Pelias, als dieser plötzlich stirbt. Da sie sich vom Verdacht nicht reinigen kann und will, trifft sie und Jason der Bann. Mit den Kindern ziehen sie nach Korinth, wo sie König Kreon über Fürbitte seiner Tochter Kreusa, einer Jugendgespielin Jasons, aufnimmt. Vergeblich bemüht sich Medea, griechische Lebensformen und Sitten anzunehmen. Sie muss die tragische Enttäuschung ihrer Liebe erleben. Das Idealbild, das sie sich vom Geliebten gemacht hat, zerbricht; der Gatte enthüllt sich ihr in seiner Selbstsucht und Kleinheit. Er verkennt die rührenden Versuche Medeas, ihn sich als Gatten zu erhalten und wendet sein Herz Kreusa zu. Eine Verbindung  mit ihr würde ihm ermöglichen, vom Bann erlöst zu werden und als Eroberer des Vlieses hohe Ehren und Ruhm zu gewinnen.

 

Als Kreon einer Ehe seiner sanften Tochter mit Jason unter der Bedingung zustimmt, dass dieser Medea verstößt, willigt Jason in deren Verbannung ein. Medea hat nur noch die Hoffnung auf ihre beiden Kinder, denen es freigestellt wird, ob sie bei der Mutter bleiben wollen oder nicht. Als jene zur lieblich-sanften Kreusa fliehen, bricht in der Verlassenen die angeborene dämonische Wildheit mit voller Gewalt durch. Sie sendet Kreusa ein Kleid und einen Zauberbecher, aus dem beim Öffnen Flammen schlagen, die den königlichen Palast in Brand setzen. Kreusa verbrennt. Da Medea in den vor ihr geflohenen Kindern das Ebenbild des verhassten Jason zu erkennen glaubt, überträgt sie den Hass gegen den Undankbaren auf diese und tötet sie mit eigener Hand. Verstoßen und verbannt, mahnt sie den gebrochenen Gatten, seine Schuld zu büßen und sein Schicksal zu tragen. Sie selbst geht nach Delphi, um das unheilvolle Vlies den Göttern zurückzugeben.

 

König Ottokars Glück und Ende (1823/1825) ist eine geschichtliche Charaktertragödie, die den Sieg Rudolfs von Habsburg über Ottokar von Böhmen, einen Sieg des Rechts über das Machtstreben eines Gewaltmenschen, behandelt. Aus Angst vor Zensurschwierigkeiten schrieb GRILLPARZER kein Napoleon-Drama, wie er es ursprünglich beabsichtigt hatte, sondern wählte einen ähnlichen Charakter, den Böhmenkönig Přemysl Ottokar II. (1253-1278) zum Helden seines ersten Geschichtsdramas.

 

Vor einem breit aufgerollten Hintergrund entwickelt sich die Handlung aus dem Charakter des herrschsüchtigen, ehrgeizigen Ottokar, den brutale Machtgier und Ruhmsucht beherrschen. Er ist ein zügelloses Genie und behandelt die Menschen wie Schachfiguren, die er einsetzt und dann beiseite schiebt. Er hat die Achtung vor der Würde des einzelnen Menschen verloren. GRILLPARZER will dem Zuschauer klarmachen, dass die Welt unter solcher Führung nicht gedeihen kann, sondern nur unter Herrschern, die sich für Ordnung und Maß in der Entwicklung einsetzen. Zu spät, erst knapp vor seinem Tod, erkennt Ottokar, dass ein Herrscher nicht das Recht hat, sich über das Glück anderer zu setzen. Ihm steht der ruhige, verantwortungsbewusste Rudolf von Habsburg als Vertreter des Rechts und Träger der Staatsidee gegenüber. 

 

Auch die beiden Frauengestalten sind grundverschieden: Margarete, nimmt eine fast mütterlich besorgte Haltung gegenüber Ottokar ein, während die stolze Kunigunde von Herrschsucht und Egoismus getrieben wird.

 

In den Wirren des Interregnums hat Ottokar II. von Böhmen durch Heirat mit Margarete von Babenberg die österreichischen Länder in seinen Besitz gebracht. Um auch Ungarn zu gewinnen, verstößt er in grenzenlosem Hochmut unter nichtigen Vorwänden seine edle Gemahlin und vermählt sich mit Kunigunde, der Enkelin des Königs Béla von Ungarn. Während so Ottokars Glück und Macht wächst, erwachsen ihm aus seiner Rücksichtslosigkeit Feinde, die seinen Untergang vorbereiten.

 

In Böhmen intrigieren die mächtigen Rosenberge gegen ihn, da Ottokar Berta, eine Tochter ihres Hauses, zwar verführt, aber nicht geheiratet und dem Wahnsinn in die Arme getrieben hat. Um sie zu rächen, wirbt Zawisch von Rosenberg keck und mit Erfolg um die Gunst der verwöhnten jungen  Königin, die der bereits bejahrte Ottokar mit seinem herrischen Wesen nicht zu fesseln versteht. In der Steiermark erheben sich die Merenberger und wenden sich um Hilfe für Margaretes verletzte Rechte an das Deutsche Reich.

 

Die deutschen Kurfürsten wählen überraschend nicht Ottokar, dem sie bereits die Kaiserkrone angetragen haben, sondern Rudolf von Habsburg zum Kaiser. Von diesem aufgefordert, die österreichischen Länder ans Reich zurückzugeben und sich mit seinen Stammlanden Böhmen und Mähren neu belehnen zu lassen, greift Ottokar zu den Waffen.

 

In dem von ihm entfachten Krieg erfolglos, verzichtet der stolze König schließlich doch auf die Alpenländer und ersucht den Kaiser um die Belehnung mit seinen Erblanden. Im Inneren eines Zeltes soll diese vor sich gehen. Zawisch aber schlägt, um den König zu demütigen, die Zeltschnüre durch, und alle Welt sieht diesen vor Rudolf knien. In seinem Stolz tief verletzt, entzieht sich Ottokar rasch den Blicken der Umstehenden, verbirgt sich wochenlang in Mähren und kehrt schließlich nach Prag zurück, wo er den Spott seiner Edelleute und den bitteren Hohn der jungen Königin Kunigunde erdulden muss.

 

Durch diese Demütigungen zutiefst verletzt, beschließt er, durch gewaltsame Tat seine Ehre wiederherzustellen. Er zerreißt den Vertrag mit Kaiser Rudolf und ergreift nochmals die Waffen gegen diesen. Aber er besitzt nicht mehr die frühere Tatkraft. Seine Getreuen fallen, viele seiner ehemaligen Anhänger wenden sich von ihm ab, Kunigunde flieht mit Zawisch.

 

Vor der Entscheidungsschlacht auf dem Marchfeld trifft Ottokar auf die Leiche seiner ersten Gemahlin, die der Gram getötet hat. An ihrer Bahre erfasst ihn tiefe Reue. Sein bisheriges Selbstvertrauen verlässt ihn. Seelisch gebrochen geht er in den Kampf und fällt durch das Schwert eines Merenbergers vor jenem Haus, in dem Margaretes Leiche aufgebahrt ist.

 

Rudolf von Habsburg, der den strengen Befehl gegeben hat, das Leben des Böhmenkönigs zu schonen, verbannt den Merenberger, der dagegen verstoßen hat, und erweist dem gefallenen Gegner königliche Ehren. Die österreichischen Erbländer überträgt er seinen eigenen Söhnen, Albrecht und Rudolf, mit denen das Haus Habsburg von Österreich Besitz nimmt.

 

Den geistigen Mittelpunkt des Dramas bildet das Lob Ottokars von Horneck auf Österreich im III. Aufzug, in dem GRILLPARZER seine warme Vaterlandsliebe ausspricht.

 

Das dramatische Märchen Der Traum ein Leben (1831/34) basiert, nach Angaben des Autors, auf der Erzählung Le blanc et le noir (1764) von VOLTAIRE. Der Titel und das im Stück verwendete trochäische Versmaß stehen aber wohl auch unter dem Eindruck von CALDERONs Drama La vida es sueño (Das Leben ein Traum, 1634-35).

 

Der Landmann Massud, seine Tochter Mirza und sein Neffe Rustan leben in Frieden zusammen, bis der schwarze Sklave Zanga auftaucht und Rustan von der großen weiten Welt erzählt und dem Ruhm, der dort vielleicht auf ihn wartet. Rustan will unbedingt in die Welt hinausziehen, aber auf Massuds Bitte bleibt er noch einen Nacht. In dieser Nacht träumt er, dass er zuerst zu großem Ruhm gelangt, später aber ums Leben kommt. Als er erwacht, ist er geläutert und beschließt, bei Mirza und dem Onkel zu bleiben.

 

Das Trauerspiel Des Meeres und der Liebe Wellen (1831) erzählt die antike Geschichte von Hero und Leander.

 

Hero wird im Aphroditetempel von Sestos zur Priesterin ausgebildet. Am Tag ihrer Weihe sieht sie in der Menschenmenge einen jungen Mann, in den sie sich spontan verliebt. Leander, der mit seinem Freund Naukleros von Abydos, jenseits der Meerenge, zum Fest nach Sestos gekommen ist, empfindet ähnlich für sie. Obwohl sie versucht, ihm klarzumachen, dass ihre Liebe unerfüllt bleiben muss, weil sie als Priesterin nicht heiraten darf, schwimmt er doch über das Meer zu ihr. Das Licht in ihrem Turmfenster weist ihm dabei den Weg.

 

Leider bleibt sein Besuch nicht unentdeckt. Als er am nächsten Abend wieder die Dardanellen durchschwimmen will, löscht der Hohepriester das Licht in Heros Fenster und Leander ertrinkt. Hero findet den Geliebten am nächsten Morgen tot am Strand und stirbt kurz darauf an gebrochenem Herzen.

 

Den Stoff des Lustspiels Weh dem, der lügt (1838) entnahm GRILLPARZER der Historia Francorum des fränkischen Geschichtsschreibers GREGOR von TOURS (538-594). Die Handlung spielt zur Zeit der Merowinger im Rheingau und in der Bischofsstadt Châlons-en-Champagne, wo Christentum und Heidentum einander berühren.

 

Der Küchenjunge Leon will den Neffen Atalus des Bischofs Gregor von Chalôns aus der germanischen Gefangenschaft befreien, muss sich aber verpflichten, dabei nicht zu lügen.

 

Er kommt zum Grafen Kattwald im Rheingau, der Atalus gefangen hält, und sagt ihm ganz ehrlich, warum er hier ist. Die Grafentochter Edrita findet Gefallen an Leon und verhilft ihm und Atalus zur Flucht. Sie geht selbst auch mit, da sie keine Lust hat, den ungehobelten Galomir zu heiraten, den ihr Vater für sie als Bräutigam ausgewählt hat. Als sie schließlich nach einigen Abenteuern den Hof des Bischofs erreichen, hat Leon eingesehen, dass nicht nur die Wortlüge, sondern auch seine Täuschungsmanöver eine Form der Lüge sind. Der Bischof seinerseits verzeiht ihm aber und verheiratet ihn mit Edrita.

 

Mit LESSINGs Minna von Barnhelm (1767), KLEISTs Zerbrochenem Krug (1808) und HAUPTMANNs Biberpelz (1893) gehört Weh dem, der lügt zu den besten deutschen Lustspielen.

 

Das Trauerspiel Die Jüdin von Toledo (1850) spielt in Spanien im 12. Jh.

 

König Alphonso verliebt sich in die Jüdin Rahel und vernachlässigt sein Reich. Die Königin lässt Rahel ermorden. Der Anblick ihrer Leiche ernüchtert Alphonso und er wendet sich wieder seinen Staatsgeschäften zu. Das Verfahren, mit dem der König zur Vernunft gebracht wird, überzeugt allerdings nicht.

 

Auch dem Trauerspiel Ein Bruderzwist in Habsburg (1872 aus dem Nachlass veröffentlicht) liegt ein historischer Stoff zugrunde. Es gibt eine Darstellung der letzten Lebensjahre Kaiser Rudolfs II., jener bewegten Zeit kurz vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges, und vermittelt nicht nur ein großartiges Zeitbild, sondern vor allem eine wundervolle Charakterstudie des rätselhaften Rudolf II., der um die Bedrohung der Welt durch einen fürchterlichen Krieg wusste, der aber nicht imstande war, etwas gegen das drohende Unheil zu unternehmen.

 

In unendlicher Vereinsamung, von allen angefeindet und missverstanden, lebt Kaiser Rudolf II. auf seiner Burg in Prag. Er sieht den Abgrund, dem die Großen des Reiches ahnungslos entgegen stürzen, ohne die Kraft zu haben, das aus dem Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken erwachsende Unheil zu verhindern. Denn der Kaiser will

nur sein und nicht wirken,

er will Ruhe und Ordnung in einer Zeit, da alles im Wandel begriffen ist. Er schaudert vor der Brutalität der Tat zurück, da ihm jeder Schritt zurück und jeder Schritt vorwärts verderblich erscheint. Das passive Zuwarten Rudolfs kann es nicht verhindern, dass schließlich das kommt, was er sein Leben lang verhüten wollte: der Bürgerkrieg.

 

Erzherzog Matthias, der unter dem Einfluss des klugen und herrschsüchtigen Kardinals Khlesl steht und bei seinem Bruder in Ungnade gefallen ist, sucht den Kaiser in Prag auf, um sich ein Kommando in Ungarn gegen die Türken zu erbitten. Er trägt sich mit dem Plan, selbst den Thron zu erringen.

 

Nach langem Zögern und über Zureden des Erzherzogs Ferdinand, der gekommen ist, um den Kaiser zu strengeren Maßnahmen gegen die Protestanten zu bewegen, erfüllt dieser den Wunsch. Matthias kämpft unglücklich gegen die Türken, schließt einen für den Kaiser ungünstigen Frieden, benützt die allgemeine Unzufriedenheit und zieht mit einem Heer gegen Prag, nachdem er sich Österreichs und Ungarns versichert hat. Die böhmischen Stände benützen die Notlage des Kaisers und zwingen ihn, ihnen mit einem Majestätsbrief

Freiheit der Meinung und der Glaubensübung

zuzugestehen. Trotz der guten Absichten des Kaisers und der Hilfe durch den jungen kaisertreuen Erzherzog Leopold erobert Matthias Prag, und der Kaiser wird zum Gefangenen auf dem Hradschin. Zwar leisten die Erzherzöge Max und Ferdinand, die an der Erhebung des Matthias nicht unbeteiligt waren, Abbitte, doch der Kaiser, des Lebens und des Herrschens endgültig müde, dankt um des Friedens und seines Hauses willen zugunsten von Matthias ab.

 

Aber dieser wird seines Sieges nicht froh. Der Einfluss des allmächtigen Khlesl und die fortdauernde Begünstigung der Protestanten erbittern Erzherzog Ferdinand so, dass er mitten in der Wiener Hofburg den Kardinal gefangen nehmen und nach Kufstein bringen lässt.

 

Matthias, der sich ratlos dem kühnen Eingriff des mächtigen Verwandten fügt, empfängt die Insignien des inzwischen gestorbenen Kaisers und gleichzeitig die Nachricht vom Aufstand der Böhmen (Zweiter Prager Fenstersturz). Da er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen und am Tod seines Bruders schuldig fühlt, gesteht er reumütig sein Unrecht ein.

 

Den großen Krieg, den Rudolf vermeiden wollte und den Wallenstein gutheißt, selbst wenn er 30 Jahre dauern sollte, kann er nun auch nicht mehr verhindern. Wallensteins Truppen rücken in Wien ein.

 

Das Trauerspiel Libussa (1874 aus dem Nachlass veröffentlicht) weist Merkmale eines Märchenstücks auf.

 

Es erzählt die sagenhafte Geschichte von der Gründung Prags. Libussa ist eine mythische Gestalt. Die Liebe zu einem Irdischen, ihrem späteren Gemahl Primislaus, hat angesichts der hilfsbedürftigen Menschen in ihr das Verlangen geweckt, zu helfen. Als sich aber herausstellt, dass die Menschen das goldene Zeitalter der Liebe weder wünschen noch vertragen, dass Macht und Besitzstreben nicht ausrottbar sind, dass Staat und Gesetz unentbehrlich sind, um das „Recht“ zu bewahren, versiegt Libussas irdische Wirkungkraft.

 

Der Segen, den Libussa der neugegründeten Hauptstadt spendet, schlägt gegen ihren Willen immer wieder um in die angstvolle Vision eines über Europa hereinbrechenden politischen Chaos, und  damit auch des Unterganges der Donaumonarchie.

 

Als Erzähler tritt GRILLPARZER vor allem mit zwei Novellen hervor: Das Kloster bei Sendomir (1828) und Der arme Spielmann (1848).

 

Das Kloster bei Sendomir schildert die Beichte eines polnischen Adeligen, der nun, als Mönch, den Mord an seiner Frau gesteht, die er des Ehebruchs verdächtigt hatte.

 

Der arme Spielmann Jakob ist der Sohn eines einflussreichen Hofrats, der aber kein Verständnis hat für seinen schwerfälligen und lebensuntüchtigen Sohn, der früh die Mutter verlor. Nachdem Jakob in der höheren Schule vor den Abschlussprüfungen versagt hat, steckt ihn der Vater als Abschreiber in eine Kanzlei. Völlig vereinsamt findet er nur Trost im Geigenspiel.

 

Eines Tages hört er in seinem Hinterstübchen auf dem Nachbarhof jemanden ein Lied singen. Die Sängerin ist Barbara, die Tochter eines benachbarten Greißlers. Jakob überwindet seine Schüchternheit und bittet sie um die Noten zu dem von ihr gesungenen Lied.

 

Nach Wochen geht sein Wunsch in Erfüllung. Es spinnt sich ein zartes Liebesverhältnis an, das aber der Vater trennt, als er durch einen Diener davon erfährt. Als der Hofrat unerwartet stirbt, erbt Jakob 11.000 Gulden.

 

Er nimmt wieder Kontakt mit Barbara auf und ist bereit, mit ihr gemeinsam ein Hutgeschäft zu eröffnen. Doch als Barbara erfährt, dass er in vertrauensseliger Weltfremdheit übereilt dem Sekretär seines verstorbenen Vaters sein Vermögen anvertraut hat und von diesem darum geprellt worden ist, reicht sie einem tüchtigen Fleischer die Hand.

 

Jakob sinkt zum Bettelmusikanten herab. Während einer Überschwemmung rettet er Hausrat und Spargroschen seiner Wirtsleute und zieht sich dabei eine tödliche Krankheit zu, an der er bald danach stirbt. 

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VOLKSTÜMLICHES THEATER

Das Wiener Volksstück entstand schon im 18. Jh. Wiens älteste Bühne war das Kärntnertortheater, wo Josef Anton STRANITZKY (1676-1726) den Hanswurst einführte.

Joseph von Sonnenfels (1773-1817), dem der Hanswurst und der Kasperl der Wiener Stegreifkomödie ein Dorn im Auge waren, setzte die Einführung einer Theaterzensur durch (1770). Die Theaterreform Kaiser Josefs II. (1776) verbot das Volksstück im Kaiserlichen Hofburgtheater.

Josef Anton STRANITZKY
im Kostüm des Hanswurst
Aber in den Vorstädten (Leopoldstadt, Josefstadt) erfreute sich die Volkskomödie weiterhin großer Beliebtheit. Ein Singspiel dieser Zeit, Die Zauberflöte (1791) von Emanuel SCHIKANEDER (d.i. Johann Joseph SCHICKENEDER, 1751-1812) erlangte durch die Musik Mozarts Unsterblichkeit (es wurde im Theater an der Wien [damals: Freihaustheater] uraufgeführt).
Emanuel SCHIKANEDER
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Im Biedermeier erreichte das Wiener Volksstück den Höhepunkt seiner Entwicklung. Nach 1850 verlor es, durch den Wandel in der Sozialstruktur des Publikums und durch eine verschärfte Zensur, an Bedeutung. Die bedeutendsten Vertreter dieser Gattung sind Ferdinand RAIMUND und Johann NESTROY.


 
Ferdinand RAIMUND (d.i. Ferdinand Jakob Raimann, 1790-1836) steht noch ganz in der Tradition des spätbarocken Wiener Volks- und Vorstadttheaters.

RAIMUND wurde 1790 als Sohn eines Drechslermeisters in der Wiener Vorstadt Mariahilf geboren. Nach Abschluss einer Zuckerbäckerlehre wurde er Schauspieler, zuerst an verschiedenen kleinen Provinzbühnen, ab 1813 am Theater in der Josefstadt und ab 1817 am Leopoldstädter Theater in Wien. Letzteres leitete er von 1828 bis 1830. Bald begann er neben seiner Tätigkeit als Schauspieler selbst Zauberstücke zu schreiben, in denen er die Freude an Spiel und Musik mit volksnahen Stoffen verband.

Er absolvierte auch erfolgreiche Gastspiele in
München, Berlin, Hamburg und Prag. 1836 endete sein Leben auf tragische Weise: er war von einem Hund gebissen worden, hatte Angst, mit Tollwut infiziert worden zu sein, und beging Selbstmord.

RAIMUNDs Stücke spielen immer auf zwei Ebenen: einerseits in der Welt der
Feen und Geister, deren Aufgabe es ist, die Menschen zu bessern, sie auf den rechten Weg zurück zu bringen; andererseits auf einer realen, menschlichen Ebene.

Das Ziel der Besserung der Hauptfiguren ist Zufriedenheit mit den Lebensumständen, ein typisches Motiv des Biedermeier.

Ferdinand RAIMUND
(Lithographie von Joseph Kriehuber, 1835)
 Die ersten Stücke, Der Barometermacher auf der Zauberinsel (1823) und Der Diamant des Geisterkönigs (1824), sind noch ganz im Stil der alten Wiener Zauberpossen geschrieben.

In dem für eine Benefizvorstellung geschriebenen Stück Der Barometermacher auf der Zauberinsel spielt das alte Motiv von den Zaubergaben, die der glückliche Besitzer gegen seine Feinde verteidigen muss, die Hauptrolle.

Im Diamant des Geisterkönigs finden wir in dem zwar dummen und ungeschickten, aber in seiner anhänglichen Treue rührenden Diener Florian Waschblau zum ersten Mal einen veredelten Hanswurst.

Eduard, der Sohn des Zauberers
Zephises, wurde nicht in die Geheimnisse der Zauberkunst eingeweiht, da sein Vater starb, bevor er dazu Gelegenheit hatte. Im Zauberkabinett des Vaters findet er elf kostbare Statuen. Nach dem letzten Willen des Vaters soll sich Eduard die noch fehlende zwölfte Statue vom Geisterkönig zum Geschenk erbitten. Mit seinem Diener Florian Waschblau macht er sich auf die Reise in die Geisterwelt.

Nach mancherlei Abenteuern ist der Geisterkönig bereit, ihm die zwölfte Statue zu geben, wenn er ihm ein Mädchen verschaffen kann, das in seinem Leben noch nie gelogen hat. Als Zeichen bestimmt der Geisterkönig, dass Florian Waschblau Schmerzen empfinden solle, wenn Eduard einem Mädchen die Hand reiche, das gelogen habe.

In einer
jungen Engländerin auf der Insel der Wahrheit finden Eduard und Florian das gewünschte Ideal. Da wird Eduard von Liebe zu ihr ergriffen und ist eher bereit, auf alles zu verzichten, als sie dem Geisterkönig auszuliefern. Nun zeigt ihm dieser, dass gerade dieses Mädchen die zwölfte Statue ist, um deren Besitz er ausgezogen ist.
 Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär (1826) war RAIMUNDs erstes selbständiges Meisterstück. Die allegorischen Figuren von Jugend und Alter, Neid, Hass und Zufriedenheit sind lebendig gestaltet und wirken ergreifend, da sie immer in Verbindung mit dem Schicksal des Bauern Wurzel erscheinen, wodurch sie zu Symbolen für innere Vorgänge werden. Die irdische Welt ist bereits von der Überwelt des Geisterreiches getrennt, sodass die Feenwelt nur mehr als Rahmen Bedeutung hat.

Die
Fee Lacrimosa muss ihre Tochter Lottchen einem armen Bauern zur Erziehung überlassen, da sie wegen ihres Hochmutes von der Feenkönigin bestraft wird. Sie darf Lottchen nur dann wieder sehen, wenn diese vor ihrem 18. Geburtstag einen armen Mann heiratet, der ihre erste Liebe sein muss.

Der
Neid, der von der Fee als Freier abgewiesen wurde, lässt nun den Bauern Fortunatus Wurzel einen Schatz finden, den er jedoch nicht verwünschen darf. Dieser will hoch hinaus und verweigert seine Zustimmung zur Heirat Lottchens mit dem armen Fischer Karl. Lacrimosa hat jedoch hilfsbereite Freunde, die ihr beistehen. Wurzel wird plötzlich alt, er verflucht seinen Reichtum und wird wieder arm. Der Hass und der Neid haben mittlerweile den Fischer Karl mit Reichtum bedacht. Fortunatus Wurzel kommt als Aschenmann zu Karls Palast. Als Karl aber vor die Wahl gestellt wird, zwischen seiner Braut und dem Besitz des Geldes zu entscheiden, verzichtet er auf seinen Reichtum.

Nun hat Lacrimosa endlich gesiegt. Sie kann Lottchen einen bescheidenen Wohlstand verleihen, und der gealterte Fontunatus Wurzel erhält wieder seine frühere Gestalt.

Ferdinand RAIMUND
als Aschenmann
 Berühmt ist jene Szene geworden, in der die Jugend von dem alternden Fortunatus WurzeI Abschied nimmt. Sie verlässt Wurzel mit dem zum Volkslied gewordenen Abschiedsgesang Brüderlein fein.

Das Läuterungsdrama Der Alpenkönig und der Menschenfeind (1828) war RAIMUNDs zweites großes Meisterwerk. Er setzte sich hier mit seiner eigenen unglücklichen Natur auseinander.

Der Menschenfeind Rappelkopf hat sich mit seiner Familie zerstritten: er glaubt, dass der junge Maler August Dorn, der seine Tochter Malchen liebt, das Mädchen nur wegen des Geldes heiraten will, und er verdächtigt seine Familie und seine Dienerschaft, ihm nach dem Leben zu trachten. Mit der Welt uneins, zieht er sich vor seiner Familie und der gesamten Menschheit in eine einsame Köhlerhütte zurück.

Da schreitet der
Alpenkönig ein. Er nimmt die Gestalt Rappelkopfs an, der selbst in die seines Schwagers verwandelt wird, und spielt nun dem peinlich Überraschten unter Poltern und Wüten dessen menschenfeindliches, misstrauisches, rappelköpfisches Wesen vor. Der Anblick seines Spiegelbildes heilt den Herrn von Rappelkopf, der nun alle seine Fehler erkennt und dadurch dem Leben wiedergegeben wird.

Das Original-Zaubermärchen Der Verschwender (1834) bildete den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende von RAIMUNDs Schaffen.

Die
Fee Cheristane liebt in Gestalt eines schlichten Bauernmädchens den reichen Julius von Flottwell. Sie opfert ihm eine Perle ihrer Zauberkrone nach der anderen, auch die letzte, nach deren Verlust sie in das Feenreich zurückkehren muss. Der Geist der Perle begleitet Flottwell in der Gestalt eines Bettlers auf dessen Lebensweg.

Flottwells Reichtum wird von seiner Umgebung ausgenützt. Er verarmt durch seine maßlose Verschwendungssucht und Freigebigkeit. Der einzige, der ihm im Elend treu bleibt und ihn freundlich bei sich aufnimmt, ist sein ehemaliger Diener, der treuherzige
Valentin Holzwurm. Er ist Tischlermeister geworden und lebt mit seiner Frau, einer früheren Kammerzofe seines Herrn, und seinen Kindern in einem bescheidenen, durch redliche Arbeit erworbenen, Wohlstand in vollster Zufriedenheit. In den Ruinen seines alten Stammschlosses findet Flottwell  schließlich jene Schätze, die er mit vollen Händen dem Bettler, seinem Schutzgeist, geschenkt hat. Valentin Holzwurm wird für seine Treue belohnt.

Das Hobellied, in dem Valentin seiner abgeklärten Lebensweisheit Ausdruck verleiht, ist zum Volkslied geworden.


Johann NESTROY (1801-1862) war während der letzten Lebensjahre RAIMUNDs dessen großer Rivale im Werben um die Gunst des Publikums.

NESTROY wurde 1801 als Sohn eines Advokaten in
Wien geboren. Zunächst studierte er Jus, gab dieses Studium aber 1823 auf und wurde Schauspieler. Er trat in Wien, Amsterdam, Brünn und Graz auf. Ab 1831 war er wieder in Wien, zuerst am Theater an der Wien, dann am Leopoldstädter Theater, das er von 1854 bis 1860 leitete. Seinen Ruhestand verbrachte er in Bad Ischl und Graz. Er starb 1862 in Graz.

Auch NESTROY war zuerst einmal Schauspieler, erst in einem zweiten Schritt wurde er zum Dichter. Er wandte sich sehr bald von der Tradition der Zauberposse ab und schrieb Stücke von beißendem Spott, die im realen Milieu des Wiener Vormärz spielen. Mit scharfem, kritischem Verstand stand er seiner Zeit und ihren Menschen gegenüber.

In seinen Gesellschaftssatiren und Charakterpossen entlarvte er die Schwächen seiner Mitbürger und übte Kritik am besitzenden Bürgertum. Er
parodierte  auch Werke seiner Zeitgenossen. NESTROY schrieb 82 Possen, von denen heute noch viele zum Repertoire vieler Bühnen gehören. Alle seine Werke sind gekennzeichnet durch Sprachwitz, Situationskomik, schlagkräftige Couplets und satirische Anspielungen.

Johann Nepomuk NESTROY
(Lithographie von Joseph Kriehuber, 183))
 Der Witz NESTROYs wendet sich an den Verstand des Zusehers. Vielfach handelt es sich um Anspielungen auf aktuelle Ereignisse. In diesem Bereich müssen Regisseure immer wieder Aktualisierungen umsetzen, da natürlich Ereignisse aus dem Alltag NESTROYs dem heutigen Publikum nicht mehr geläufig sind. Häufig muss man über die Witze erst nachdenken, um sie richtig zu verstehen. Eine unerschöpfliche Quelle der Parodie sind u.a. der bewusst falsche Gebrauch von Fremdwörtern und besonders lange, ungewöhnliche Wortneuschöpfungen, z.B.:

=> Künstlerstolzbeleidigendeselbstidealschöpfungsverschandelungszumutung
=> vergissmeinnichtkatzenazurblaue Augen
=> Mammmonpossessunegalitäts-Applanierungsexperimente (=Diebstahlsverdacht)

Zu NESTROYs wichtigsten Stücken zählen Der böse Geist Lumpazivagabundus
oder Das liederliche Kleeblatt (1833), Zu ebener Erde und erster Stock oder Die Launen des Glücks (1835), Der Talisman (1840), Einen Jux will er sich machen (1842), Der Zerrissene (1844), Der Unbedeutende (1846) und Freiheit in Krähwinkel (1848).

Der böse Geist Lumpazivagabundus oder das liederIiche Kleeblatt steht noch ganz in der Tradition der Zauberposse und war NESTROYs erster großer Erfolg.

Der böse Geist
Lumpazivaqabundus verführt die jungen Leute zu allerlei tollen Streichen. Drei Handwerksburschen sind dazu ausersehen, ihn zu besiegen. Mit Hilfe der Glücksfee Fortuna, die mit der Liebesfee Amorosa eine Wette abschließt, gewinnen sie  das „große Los“ in der Lotterie. Der Schuster Knieriem und der Schneider Zwirn verschwenden ihr Geld; lediglich der Tischler Leim weiß damit etwas anzufangen: er gründet sein eigenes Heim. Fortuna hat die Wette verloren.

In dem sozialkritischen Gesellschaftsstück Zu ebener Erde und erster Stock oder Die Launen des Glücks stellt NESTROY den Reichtum der Spekulantenfamilie
Goldfuchs dem Elend der armen Familie Schlucker gegenüber. Der Zufall kehrt die Verhältnisse um, doch es kommt zu einem versöhnlichen Ende: die Kinder der beiden Familien heiraten.

In der Charakterposse Einen Jux will er sich machen spielt die Welt der Feen und Geister keine Rolle mehr.

Der Handelsangestellte
Weinberl soll während der Abwesenheit seines Herrn, des Gewürzkrämers Zangler, dessen Laden bewachen. Er begibt sich jedoch mit dem Lehrbuben Christopherl in die nahe Großstadt. Als sie dort Zangler begegnen, flüchten sie in den Modesalon der Madame Knorr. Weinberl gibt sich dabei als Gatte der Frau von Fischer aus; die bald darauf den Salon betritt. Sie ist über die Keckheit Weinberls erstaunt, geht aber auf das Spiel ein, d. h. sie spielt die Rolle seiner Gattin.

Weinberl und Christopherl erwachsen jedoch aus dieser angenommenen Rolle die größten Schwierigkeiten: auch
Marie, Zanglers Nichte, ist mit ihrem Bräutigam August Sonders, mit dem der Onkel nicht einverstanden ist, in die Stadt geflohen. Weinberl und Christopherl haben letztendlich große Mühe, die Stadt wieder zu verlassen, ohne von Zangler erwischt bzw. von der Polizei verhaftet zu werden.

Als Weinberl und Christopherl nach mancherlei Abenteuern wieder zurückkehren, verhindern sie einen Einbruch in Zanglers Laden, wodurch sie in dessen Gunst steigen. Am Ende werden Weinberl und Christopherl von Herrn Zangler sogar befördert und Weinberl verlobt  sich mit Frau von Fischer. Auch Marie und August werden ein Paar.

In der Posse Der Talisman oder Die Schicksalsperücke wird ein Vorurteil angeprangert, u. zw. jenes gegen rote Haare.

Der rothaarige Friseurgeselle
Titus Feuerfuchs bringt es, dank einer Perücke, bis zum Sekretär der reichen Frau von Cypressenburg. Als der Schwindel auffliegt, lässt ihn die Dame wie eine heiße Kartoffel fallen. Bald darauf macht er eine große Erbschaft: nun wäre er der guten Gesellschaft auch mit roten Haaren genehm. Titus aber heiratet die ebenfalls rothaarige Salome Pockerl, die auch in schweren Zeiten zu ihm hielt.

Die Hauptfigur in der Posse Der Zerrissene (1844),
Herr von Lips, leidet an Langeweile. Im Lauf der turbulenten Handlung lernt er echte von falschen Freunden zu unterscheiden und heiratet schließlich ein einfaches Mädchen.

Freiheit in Krähwinkel zählt zu NESTROYs politischen Satiren. Das Stück ist in der zensurfreien Zeit entstanden und feiert den Sieg des Bürgertums über das absolutistische System in  dem fiktiven Ort Krähwinkel.



EPISCHE DICHTUNG

Der große Epiker des österreichischen Biedermeier ist Adalbert STIFTER (1805-1868).

STIFTER wurde 1805 in Oberplan (heute: Horní Planá) im Böhmerwald als Sohn eines Flachshändlers geboren und verbrachte seine Kindheit in den österreichischen Alpen und Voralpen. Er besuchte ab 1818 das Gymnasium im Stift Kremsmünster. Die Jahre dort haben sein Denken und Dichten entscheidend beeinflusst:
Dort hörte ich zum erstenmal den Satz, das Schöne sei nichts anderes als das Göttliche im Kleide des Reizes dargestellt. Dieser Spruch traf den Kern meines Wesens mit Gewalt und all mein folgendes Leben führte mich zu demselben Ergebnisse.

Nach der Matura studierte STIFTER Jus an der Universität Wien. Als Student verliebte er sich in
Fanny Greipl aus Friedberg. Der Bruch mit ihr stürzte ihn in eine tiefe - literarisch aber sehr produktive - Krise.

Adalbert STIFTER
Denkmal in Linz
 1837 heiratete er die mittellose Hutmacherin Amalia Mohaupt. Er wollte Landschaftsmaler werden und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer.

STIFTER war kein Gegner der Revolutionsbewegung von 1848, erkannte aber wie GRILLPARZER, dass im allgemeinen Sturm der Erregung jeder Ruf nach Maß und Ziel ungehört verhallen musste. Er zog sich nach Linz zurück und widmete sich der
Verbesserung des Schulwesens in Oberösterreich. 1849 wurde er Landesschulinspektor für die Volksschulen. Sein Ziel war es, dem Beruf des Lehrers durch angemessene Bezahlung und bessere Ausbildung ein höheres Gewicht zu verleihen, aber er konnte seine Ideen vielfach nicht durchsetzen. 1855 wurde ihm der Titel Schulrat verliehen.

Im privaten Bereich waren STIFTER und seine Frau vermutlich nicht allzu geschickt auf dem Gebiet der Erziehung. Die Ziehtochter
Juliana Mohaupt nahm sich 1859 im Alter von 18 Jahren das Leben. STIFTER tat alles, um die Motive zu verschleiern.

Als Konservator war er im Kunstverein tätig und rettete in dieser Funktion den berühmten Kefermarkter Altar vor dem Verfall. Wie manche seiner Dichterkollegen nahm auch STIFTER ein tragisches Ende. 1868 nahm er sich, an einer Leberzirrhose unheilbar erkrankt, das Leben.

Die Menschen in seinen Werken ordnen sich in die Natur ein. Wie sich in ihr das Leben harmonisch entfaltet, so entfaltet der Mensch seine Kräfte still und in Ehrfurcht vor dem Einfachen und Wahren. STIFTER gab seine Erzählungen in mehreren Sammlungen heraus: Studien (6 Bände, 1844-1850), Bunte Steine  (2 Bände, 1853) und Erzählungen (1869).

Bereits die erste Sammlung, Studien, lässt STIFTERs
Grundthemen anklingen: die Gefährdung menschlicher Beziehungen durch Egoismus und Eifersucht, das Unglück des betrogenen Menschen, Probleme in Ehe und Familie. In die Erzählungen eingeflochten findet man eindrucksvolle Naturschilderungen. Die bedeutendsten sind Hochwald, Abdias und Die Mappe meines Urgroßvaters.

In der Vorrede zur zweiten Sammlung, Bunte Steine, gibt STIFTER seiner Überzeugung Ausdruck, dass man nicht in gewaltigen, oft zerstörerischen
Naturerscheinungen die wahre Größe von Gottes Schöpfung erkennen kann, sondern in den kleinen Dingen, wie z.B. in einem Tautropfen, im Wogen des Getreides etc. Die Erzählungen dieser Sammlung sind alle nach Steinarten benannt: z.B. Kalkstein, Granit, Bergkristall, Katzensilber, Turmalin.

Die dritte Sammlung, Erzählungen, erschien erst nach STIFTERs Tod aus seinem Nachlass. Hier ist besonders die Erzählung Der Waldgänger hervorzuheben.

Im Alter hat STIFTER zwei große Romane verfasst. Der Nachsommer (1857), den Friedrich NIETZSCHE als die vollkommenste deutsche Prosadichtung pries, ist ein Bildungs- und Erziehungsroman, in dem Jugend und Alter, Stadt und Land, Adel und Bürgertum ineinander verwoben sind und aufeinander wirken.


Die Handlung tritt völlig zurück hinter dem Bildungsfortgang des Helden, des Kaufmannssohnes
Heinrich Drendorf, und den Bemühungen seines Förderers, des Freiherrn von Risach. Selbstverständlich fehlt auch eine ideale Liebesbeziehung nicht, wie STIFTER sie für sich selbst stets ersehnte. Heinrich heiratet am Ende Natalie.

Der Nachsommer steht im bewussten
Gegensatz zur realistischen Literatur. Die Welt, die STIFTER schildert, ist nicht real, sie verkörpert ein Ideal, das es nie geben wird. Der Titel deutet nicht auf ein baldiges Sterben der Natur hin, sondern auf die höchste Erfüllung aller Wünsche in herbstlicher Vollendung und Reife.

Mit dem Roman Witiko (3 Bände, 1865-1867) wandte sich STIFTER dem Mittelalter zu. Im Mittelpunkt steht die Entstehung einer sinnvollen politischen Ordnung.

Witiko zieht wie Parzival in die Welt hinaus, um zu sich selbst zu finden. Er widersteht den Versuchungen der Macht, der Lüge und der Selbstsucht und reift heran zum Gründer einer natur- und gottgebundenen Gemeinschaft der Waldleute Böhmens inmitten der Wirren böhmischer Adeliger im 12. Jh. Die Quelle seiner Kraft ist der Hochwald der heimischen Berge, aus denen er kommt und in die er am Ende wieder zurückkehrt.

Das langsame Heranreifen Witikos wird in einer Art Zeitlupentempo geschildert, das auf den späteren Minutenstil des Naturalismus vorausweist. Hier wird eine WeIt gestaltet, die unter den ewig gleichen Gesetzen des Rechten und Wahren steht, deren Anerkennung und Achtung allein zu einer dauerhaften menschlichen Gemeinschaft führen kann.





LYRISCHE DICHTUNG

Nikolaus LENAU, (d.i. Nikolaus Franz NIEMBSCH, Edler von STREHLENAU, 1802-1850) lässt sich als Dichter schwer einordnen. Er lehnte die Tendenzdichtung kategorisch ab, begeisterte sich jedoch an nationalliberalen Ideen und schrieb Gedichte gegen den Adel und gegen die Untertanenmentalität.

LENAU wurde 1802 in Csatád bei Temesvár im Banat (heute: Rumänien) geboren und entstammte einer alten Offiziersfamilie. Er besuchte das Piaristen-Gymnasium in Pest (Ungarn), übersiedelte aber noch während der Gymnasialzeit mit seiner Mutter nach Stockerau und maturierte schließlich in Wien am Schottengymnasium.

Anschließend studierte er einige Zeit in Wien
Jus und Medizin, brach das Studium aber 1930 ab und reiste nach Stuttgart, wo er seinen ersten Gedichtband herausbrachte.

Nikolaus LENAU
(Ölgemälde von Friedrich Amerling)
 Persönliches Unglück und seine Verzweiflung über die gesellschaftspolitischen Zustände in Europa veranlassten ihn 1832, nach Nordamerika auszuwandern, um sich dort als Farmer niederzulassen. Er landete im Oktober 1832 in Baltimore, lebte zunächst in einer Siedlung in Ohio und danach sechs Monate in New Harmony, Indiana. Das Leben in Amerika und der herrschende Materialismus enttäuschten ihn, und schon 1833 kehrte er nach Europa zurück.

Seine Schwermut verstärkte sich. 1844 zeigten sich erste Ansätze von Wahnsinn. 1850 starb LENAU in der Heilanstalt Oberdöbling bei Wien.

Wie Lord BYRON war LENAU ein Lyriker des Weltschmerzes und der Melancholie. In der Puszta aufgewachsen, litt er fern von ihr unter schmerzlichstem Heimweh. Die meisten seiner Gedichte (erste Sammlung 1832) sind Naturgedichte, in denen das Naturbild gleichsam als Symbol seiner schwermütigen Stimmung erscheint.

Besonders in den berühmten Schilfliedern schließen sich Natur und Seele zu wunderbarer Einheit zusammen. Selbst in den wirklichkeitstreuen Augenblicksbildern
ungarischen Steppe (Die Heideschenke, Die Werbung, Die drei Zigeuner), in den wenigen Frühlingsliedern (z.B. Der Postillon) und den Amerikagedichten (Die drei Indianer) spürt man im Unterton die dunkle Stimmung und Melancholie deutlich anklingen (z. B. in dem kurzen Gedicht Bitte).

LENAU versuchte sich auch an großen episch-dramatischen Stoffen (Faust. Ein Gedicht, 1836, Die Albigenser, 1842 und Don Juan, 1844), die ihm aber nicht gelangen, weil er seine widerspruchsvollen Gedanken und Gefühle nicht zu zügeln verstand und so kein einheitliches Werk zu schaffen vermochte.
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